Olten

Nach langem Unterbruch: Ein Abend mit Rhaban Straumann und Bänz Friedli

Rhaban Straumann (links) und Bänz Friedli waren auf der Treppe mitten in der Buchhandlung platziert.

Rhaban Straumann (links) und Bänz Friedli waren auf der Treppe mitten in der Buchhandlung platziert.

Nach langem Unterbruch wegen des Lockdown lädt die Oltner Buchhandlung Schreiber erstmals wieder zu einer öffentlichen Lesung.

Eine lange Durststrecke für Kulturschaffende und -freunde ging am Mittwochabend in der Buchhandlung Schreiber zu Ende. Erstmals nach dem Lockdown lud Inhaber Urs Bütler wieder zu einer Lesung. Von einem allfälligen Corona­kater war wenig zu spüren.

«Es tut gut, nach drei Monaten wieder vor Publikum zu sein», eröffnet Rhaban Straumann die eigentliche Buchvorstellung und gibt sofort eine Passage über Wiegebewegungen beim Torjubel und die kindliche Perspektive des Zeitgefühls aus Bänz Friedlis Neuling «Der Wal im See» zum Besten. Friedli bedankt sich mit der Bemerkung, dass er zum ersten Mal einen seiner Texte von einem Profi vorgelesen bekommen habe. In der anschliessenden Diskussion verrät der ehemalige Journalist, wie sehr ihm die fleischgewordene Realsatire Ignazio Cassis’ während des Lockdown als Inspiration gefehlt und wie er ein uraltes Buchprojekt wieder in Angriff genommen habe.

Debatte über Fern- und Heimweh

Danach kehrt die Runde und Friedli liest mit viel Charme eine Passage aus Straumanns Neuling «Noch ist heute» vor. Mit beinahe astreinem Bündner- Dialekt imitiert der Theaterkabarettist die Bäuerin Franziska in Bergün, um dann sogleich von Straumann darauf hingewiesen zu werden, dass ebendiese Franziska eigentlich Urnerin sei. Das Publikum goutiert den Fauxpas mit lachendem Applaus; die beiden fahren in ihrer angeregten Diskussion über Zuhause und Heimat sowie Fernweh und Heimweh weiter. Friedli hebt hervor, dass man Straumanns Buch nur dann lesen sollte, wenn man mit sich selber zufrieden sei, da es sonst «ganz schön frustrierend sein kann». Dabei spielt er auf die Reiselust und die im Buch festgehaltenen Erlebnisse Straumanns an und fügt hinzu, dass auch er vor Reisen nicht gefeit sei. Friedli offenbart Louisiana als den Ort, wo er am besten zu sich kommen könne. Zwischen weiteren Textpassagen aus ihren Werken diskutieren die beiden über den Egoismus im Reisen, ihre Lieblingsorte, das Fliegen, tröstende Lügen und den Einfluss, den Kinder auf sie haben.

Immer wieder kommt es zu freundschaftlichen Sticheleien gegen Verleger Thomas Knapp, der «lieber in den Bergen weilt, als zwei seiner bekannteren Autoren zuzuhören», so Friedli. Verlagsassistentin Franziska Knapp im Publikum nimmt es mit Humor, ihr Mann Thomas sicher auch – wissen doch beide Parteien, was sie aneinander haben. Einen emotionalen Punkt erreicht der Abend, als Straumann eine Passage über einen verstorbenen Freund vorliest. Er erzählt über seine Verarbeitung des Verlusts und die ständig drängende Frage, ob man zu Lebzeiten genug Zeit mit dieser Person verbracht habe. Sichtlich gerührt und mit zittriger Stimme hebt der gewiefte Bühnenprofi hervor, wie wichtig es sei, sich möglichst oft von einer geliebten Person zu verabschieden.

Am Ende kommen beide Autoren zum ähnlichen Schluss: Das Glück findet sich nicht nur in der Ferne, sondern vielmehr auch im Nahen. Wobei Nähe unterschiedlich interpretiert wird: Weltenbummler Straumann flüchtet gerne von seiner Wahlheimat Leipzig nach Bergün, um Energie zu tanken. Friedli hingegen hat rausge­funden, dass er auch auf dem Hasenrain, wenn er nach dem Joggen auf «sein» Zürich runter blickt, zu sich kommen kann.

Nach etwas mehr als anderthalb Stunden, in denen das Publikum gebannt und amüsiert beiden Autoren lauschte, verabschieden sich Straumann und Friedli mit einem Gruss in die Berge zu Verleger Knapp.

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