Es ging letzten Endes um Vergewaltigung in der Ehe, sexuelle Nötigung, versuchte Nötigung sowie Drohung – laut Anklageschrift von Staatsanwältin Kerstin von Arx alles mehrfach begangen. Die Hauptfiguren: ein Ehepaar, beide aus dem Kosovo stammend, aber in der Schweiz aufgewachsen, und ihre jeweilige Verwandtschaft. Die gestrige Verhandlung rückte eine Geschichte in den Fokus, wie sie vor Gericht oftmals in der einen oder andern Form aufscheint: Zwischen dem in traditionalistischen Strukturen verhafteten Mann und seiner in liberal-westlichen Verhältnissen aufgewachsenen Frau beginnen sich kulturelle Gräben aufzutun, die im Krisenfall zum akuten Konflikt führen.

Die geschädigte Ehefrau trat gestern vor dem Amtsgericht Olten-Gösgen als Privatklägerin auf – vertreten durch den Aarauer Fürsprecher Guido Fischer. Der beschuldigte Ehemann blieb auch gestern, nachdem der Termin schon zweimal geplatzt war, der Hauptverhandlung fern. Er habe keinen Kontakt mit ihm gehabt, sagte sein amtlicher Verteidiger Daniel Bitterli. Auch die Eltern, so der Oltner Anwalt, hätten erklärt, sie wüssten nicht, wo ihr Sohn stecke. Bitterli stellte eingangs den Antrag, die Psychotherapeutin der Privatklägerin, die beim ersten Termin im September 2013 nicht auf der Zeugenliste figurierte, nicht als Zeugin zuzulassen. Diesen Antrag lehnte das Amtsgericht unter dem Vorsitz von Gerichtspräsidentin Eva Berset jedoch ab, da die Zeugin auf Antrag von Guido Fischer offiziell bewilligt worden war.

2005 zog die Frau bei der im Niederamt wohnhaften Familie ihres Mannes ein. Diese drängte auf eine Heirat im Kosovo. «Aber das wollte ich nicht», sagte die Frau gestern. «Wir heirateten wegen des Namens – mein Schwiegervater wollte das. Was hätte ich tun sollen?» – «Dachten Sie, das komme gut?», fragte die Gerichtspräsidentin an dieser Stelle. «Nein», so die trockene Antwort der Frau, welche die Familie ihres Mannes als Gefängnis und den Schwiegervater als Tyrannen schilderte. «Alleine in die Stadt gehen durfte ich nicht.» Höchstens mit dem Schwiegervater, der Schwiegermutter oder sonst jemandem von der Familie zusammen. Nicht mal auf den Kinderspielplatz habe sie gedurft – arbeiten war ihr sowieso nicht mehr erlaubt.

In der Ehe fingen die Probleme an, als sie im sechsten Monat schwanger war. Nur etwa ein Jahr lang habe ihr Mann noch gearbeitet, führte sie vor dem Gericht aus. Dann habe er die Stelle verloren. Mit Kumpanen sei er Abende lang im Ausgang gewesen und tagsüber habe er oft geschlafen. Nachts sei er spät heimgekommen. Und manchmal wollte er dann noch Sex. Wenn sie gesagt habe, sie sei müde, sie möge nicht und er solle sie in Ruhe lassen, habe er erklärt: «Du musst – du bist meine Frau.» Ohrfeigen, wüste Szenen, Beleidigungen und Drohungen habe sie gewärtigen müssen, wenn sie sich verweigerte. So habe sie sich manchmal dreingeschickt. «Ein-, zweimal im Monat verlangte er Analverkehr. Ich wollte das nicht – ich hatte Schmerzen dabei. Ihn hat das weniger interessiert – Hauptsache, er hatte seinen Spass.» Er habe sie auch unter Druck gesetzt, indem er drohte, auszuplaudern, dass sie – als Muslima – bei der Heirat nicht mehr Jungfrau gewesen sei.

Mit dem Tod bedroht

Als sie es einmal nicht mehr ausgehalten habe, sei sie zu ihren Eltern im Kanton Luzern gegangen. Dort habe sie ihr Mann zurückgeholt. Sie habe zwar gar nie gesagt, sie würde ihn verlassen, aber er habe ihr dann gedroht für diesen Fall: «Du weisst, wie wir Albaner sind – ich schwöre auf den Koran: Ich bringe dich um, ich erschiesse dich oder ich hänge dich auf!» – Am 18. Januar 2010 entzog sich die Frau der Kontrolle des Schwiegervaters und floh mit den beiden kleinen Kindern ins Frauenhaus Aargau-Solothurn. Ihr Mann befand sich gerade im Gefängnis. (Seine Vorstrafen betreffen Vermögens- und Verkehrsdelikte.) Am Vortag hatte sie ihn in der Strafanstalt Schöngrün besucht und er hatte sie beschimpft: «Du Schlampe, für wen hast du dich geschminkt?» Dass die Privatklägerin «liebevolle SMS» ins Schöngrün geschickt habe, stellte Gerichtspräsidentin Berset fest, stehe im Kontrast zu deren Schilderungen. Das habe sie nur gemacht, damit er Ruhe gebe, lautete die Erklärung der Frau dazu.

Am 18. Januar 2010, erzählte gestern der als Zeuge geladene Vater der Privatklägerin, der ebenfalls Zivilforderungen geltend macht, habe er einen Telefonanruf erhalten des Inhalts: «Ich werde zu dir kommen, um dich umzubringen.» «Wieso?», habe er gefragt. «Hier gibt es Gesetze und Polizei.» – «Das ist mir egal», habe der andere gesagt, «ich bin Kosovare – das Gesetz für sie bin ich!» Zu viert seien sie im Auto vorgefahren, so der Vater der Frau. «Ich hatte Angst. Ich habe die Polizei avisiert, aber als diese kam, waren sie wieder fort.» – Was der Grund für diese Aktion gewesen sei, wollte Eva Berset wissen. – «Weil sich meine Tochter von ihm getrennt hatte und ins Frauenhaus gegangen war.» – In seinem Plädoyer gab Daniel Bitterli später zu verstehen, dass das alles seinen Mandanten nichts angehe. Zu diesem Zeitpunkt habe der im Schöngrün logiert.

Zwei im Kanton Zürich lebende Halbbrüder des Vaters der Privatklägerin vermieden es, sich als Zeugen allzu weit aus dem Fenster zu lehnen. Das Paar sei zwei-, dreimal zu Beginn der Ehe bei ihm zu Gast gewesen, sagte der eine. Er habe damals nichts Auffälliges festgestellt. Beide liessen durchblicken, dass der strenge Vater des Beschuldigten «die Probleme gemacht» habe. Auch der Beschuldigte habe Schwierigkeiten mit ihm gehabt, sei aber dem Vater ähnlich. Beleidigungen oder Bedrohungen habe er selber keine wahrgenommen, erklärte auch der zweite Onkel der Privatklägerin. Hingegen seien ihm an dieser Zeichen von Stress und Angst aufgefallen.

Ursula Knechtli, die Psychotherapeutin, bei der die Frau von der Opferhilfe im Februar 2010 angemeldet worden war, sprach von Essstörungen und Suizidfantasien ihrer Patientin. Mittlerweile habe diese, nachdem sie nun sich selber sein könne, zur Lebensfreude zurückgefunden. Ihr Noch-Ehemann sei offenbar ein Mensch mit zwei Gesichtern. Seinem ausserhalb der Familie vorhandenen Charme stehe gegenüber, dass er sich zu Hause ganz der Familientradition unterwerfe. «Nein», so Knechtli, «es sah nicht so aus, als ob die Frau einfach ihren Ehemann loswerden möchte.» – Dieser übernachtete später, bis zum neuerlichen Krach, als er merkte, dass er sie nicht zum Rückzug der Anzeige bewegen konnte, sogar gelegentlich wieder bei seiner Frau – in deren eigener Wohnung.

Vier Jahre Gefängnis beantragt

Objektive Beweise, räumte Staatsanwältin Kerstin von Arx ein, gebe es, bis auf ein paar Droh-SMS, kaum. Das Ganze ergebe aber, wenngleich der Beschuldigte in der Untersuchung alle Vorhalte bestritten habe, ein stimmiges, widerspruchsfreies Ganzes. Die Geschädigte habe die Drohung mit dem Tod und dem Wegnehmen der Kinder ernst nehmen müssen. Das Verschulden des Mannes wiege schwer. Dieser sei schuldig zu erklären der mehrfachen Vergewaltigung, der mehrfachen sexuellen Nötigung, der mehrfachen versuchten Nötigung sowie der mehrfachen Drohung. Er sei zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren zu verurteilen, teilweise als Zusatzstrafe zum Urteil des Aargauer Obergerichts vom 12. März 2009. Der damals für eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren gewährte bedingte Strafvollzug sei zu widerrufen, die Strafe zu vollziehen. – Guido Fischer machte namens der Privatklägerin Zivilforderungen geltend, die unter anderem eine Genugtuung von 20 000 Franken beinhalten.

Verteidiger fordert Freispruch

Der Anwalt des Beschuldigten stellte den Antrag, sein Mandant sei von jeder Schuld freizusprechen. Auf den Widerruf des bedingten Strafvollzugs sei zu verzichten. Mit einem Urteil im Sinne der Anklage, so Bitterli, würde das Gericht das Gebot der Unschuldsvermutung verletzen. Das Bild, das die Ehefrau vom Beschuldigten zeichne, sei «absolut unglaubwürdig und widersprüchlich». In verschiedenen Punkten habe sie gelogen. Und beim Sex habe sie jederzeit Nein sagen können. Von Widerstandsunfähigkeit könne keine Rede sein.

Das Gericht (Präsidentin Eva Berset, Gisela Stoll, Eugen Kiener) will sein Urteil am Freitag schriftlich eröffnen.