Nach acht Jahren und geflossenen Unterstützungsbeiträgen über rund 73 000 Franken beendet die Stadt Olten ihr Engagement bei Mad’Eole, einem Windenergie-Projekt auf Madagaskar, welches vom Oltner Stefan Frey vor zehn Jahren initiiert und seither begleitet wurde. Zehn Jahre – ein kleiner Meilenstein und für die Stadt Grund genug, zu feiern und – ihr Engagement damit auch zu beenden. Inwieweit ein anderes Projekt an die Stelle Mad’Eoles tritt, konnte Stadtrat Peter Schafer aufgrund der städtischen Sparbemühungen nicht sagen.

Passender Moment

Als Stefan Frey im Jahr 2004 mit seiner Idee auf die Stadt zutrat, geschah dies just im richtigen Moment: «Damals begann Olten sein Energiestadt-Label zu pflegen», so Regina Flury von Arx, Leiterin der Fachstelle Umwelt Energie Mobilität an der gestrigen Pressekonferenz. Die zugesicherten Beiträge der Stadt seien für Mad’Eole sehr wichtig gewesen, meinte Stefan Frey. «Zum einen war die Stadt Olten der erste institutionelle Promoter des Projekts.» Das schaffe bei andern möglichen Unterstützern Vertrauen. «Und zum andern geben zugesicherte Gelder auch den am Projekt Arbeitenden eine gewisse Sicherheit.» Beides also hat die Stadt Olten mit ihren jährlich fliessenden Geldern erreicht.

Und wie stehts heute um Mad’Eole? Jenes Projekt, welches Wortfragmente von «Madagaskar» und «Wind» in seinem Namen trägt? Frey, mit einer Madegassin verheiratet, ist zuversichtlich. «Wir stehen seit zehn Jahren im Wind draussen und werden es auch noch weitere zehn Jahre aushalten», sagt er. Denn was mit sechs madegassischen Kollegen, allesamt Ingenieuren der ETH Lausanne und diplomiert auf einem Spezialgebiet der erneuerbaren Energien, begann, weist heute eine beachtliche Zwischenbilanz aus: Vier Dörfer in der Region um die ehemalige Provinzhauptstadt Diego-Suarez (heute Antsiranana) konnten elektrifiziert werden.

Rund 5000 Menschen können erstmals in ihrem Leben mit regelmässig fliessendem, ganztägig verfügbarem Strom beliefert werden. Und bezahlbar ist er auch. «Er kostet für einen Haushalt in etwa so viel wie für Petrol, Kerzen und Taschenlampenbatterien ausgegeben werden müsste», sagt Frey. Der Strom kommt von Windanlagen, die in drei Dörfern durch Dieselgeneratoren ergänzt werden. Die windarme, dreimonatige Regenzeit macht diese (noch) notwendig. Allerdings sollen künftig Fotovoltaikanlagen die Arbeit der Generatoren ersetzen. Bislang wurden in die seit 2011 arbeitenden Anlagen zwei Mio. Franken investiert.

Nicht flächendeckend

Nun ist es aber nicht so, dass Frey und seine Getreuen den Norden Madagaskars mit Windanlagen überziehen, selbst wenn das dafür notwendige Geld vorhanden wäre, nein. Frey und sein Projekt stehen für Sozialverträglichkeit: «Rund 80 Prozent der Haushalte müssen sich den Strom auch leisten können», beschreibt er die Strategie von Mad’Eole. Warum? Zum einen muss sich die Sache auch rechnen und zum andern darf der Strom nicht zu einer Sache der Wohlhabenden werden. «Wenn dem so wäre, hätten wir Sabotageakte zu befürchten», weiss Frey. Wenn aber viele von der Infrastruktur profitierten, sei die Akzeptanz und die Identifikation jedes Einzelnen mit der Infrastruktur viel grösser.

Nicht einfach so Strom bringen

Frey will im Übrigen auch nicht der Strombringer telquel sein, weil Strom geil ist, nein. «Das Ziel Mad’Eoles ist es, einen Beitrag zur Verhinderung der grassierenden Landflucht zu leisten: «Irgendwo nämlich nehmen die Leute die Annehmlichkeit von verfügbarem Strom immer wahr, und seis nur in der nächstgelegenen Stadt. Dorthin zieht dann die Bevölkerung.» Der Satz «Stadtluft macht frei» behält auch seine Gültigkeit in Schwarzafrika.

So nebenher berichtet Frey von seinen Erfahrungen als Stromlieferant: So kam es etwa, dass die Menschen ihre Glühbirnen auch des Nachts einfach brennen liessen. Aus ganz einfachen Grund: Sie hatten Angst, dass der einmal abgedrehte Strom nicht wieder zurückkommen könnte. «Das ist ein Zeichen dafür, dass wir uns den Menschen ganz niederschwellig nähern müssen und nicht wie Stromokkupatoren auftreten dürfen», sagt Frey.

Rund 15 Personen stehen auf Madagaskar in Brot und Dienst von Mad’Eole. Und das Wachstum hält an: Für vier weitere Dörfer sind die Planungen zur Elektrifizierung soweit abgeschlossen, dass mit deren Umsetzung eigentlich begonnen werden könnte. Allein, es fehlt bis heute an politischer Stabilität im Land. Im Juli stehen Wahlen an, von denen sich Frey eine gewisse Stabilität erhofft, auch wenn damit die allgegenwärtige Korruption nicht aus der Welt geschafft ist.

Unabhängig werden

Das Beispiel Oltens zeigt: Spenden sind Fluch und Segen: Fliessen die Gelder, sind sie Segen, versiegt die Quelle – ein Fluch. Um die Spendenunabhängigkeit zu minimieren oder gar zu eliminieren, will Mad’Eole auch die Bearbeitung des privaten Strommarktes vorantreiben.

Beeindruckend

Für Stadtrat Peter Schafer sind die von Frey präsentierten Ergebnisse beeindruckend. «Stefan Frey ist zwar mit seinen Erfolgsmeldungen stets zurückhaltend, aber die Bilanz von Mad’Eole kann sich sehen lassen. In den elektrifizierten Dörfern ist die Bevölkerung nicht zurückgegangen, ja es wurden gar Häuser gebaut und Kleinstunternehmungen gegründet.» Dass mit der Inbetriebnahme von Kühlschränken auch Medikamente sicher aufbewahrt werden können, lässt Schafer nicht unerwähnt. Und schliesslich bringts der Stadtrat auf den Punkt: «Wer weniger Menschen aus armen Ländern hier haben will, muss mithelfen, dass diese weniger Gründe haben, zu uns zu flüchten. Mad’Eole hat handfeste Gründe geschaffen, um in Madagaskar bleiben zu wollen.»