Es gibt eine Frage, die sich ein Primarlehrer mit 45 Dienstjahren an derselben Arbeitsstelle einfach anhören muss: Nämlich die, ob er mit seinem beruflichen Curriculum Vitae nicht so etwas wie ein Dinosaurier sei? Josef Rudolf von Rohr scheint darauf vorbereitet. «Ja, was heisst da Dinosaurier; schon bald ein Fossil!» Er weiss: Lehrkräfte seiner Provenienz gibts nicht mehr allzu viele. Er lacht und sagt, bevor er sich überhaupt auf seine weitere Berufsgeschichte einlässt: «Ich könnte mir vorstellen, weiterzuarbeiten; aber wer als Lehrkraft im Kanton die Schallmauer 65 erreicht hat, scheidet aus; muss sogar persönlich die Kündigung einreichen...»

So, erst jetzt wagt er einen Blick zurück und während er so erzählt, streut er noch ein: «Den Begriff des Volksbildhauers als Synonym für den Volksschullehrer mag ich nicht.» Punkt. Rudolf von Rohr hat Prinzipien. Und wenn wir schon bei den Prinzipien sind: Was er auch nicht mehr hören mag, das ist die Frage, was er im Ruhestand denn so zu tun gedenke den lieben langen Tag über? «Ich höre ja nicht auf zu leben, bloss weil ich nicht mehr im Schulzimmer stehe», reicht er nach.

Ein Kestenholzer in Kappel

1972 kam der gebürtige Kestenholzer als Junglehrer nach Kappel – und blieb. Warum? «Beworben in Kappel habe ich mich seinerzeit sicher darum, weil Kappel mit meinem Wohnort Kestenholz durchaus vergleichbar war», sagt Josy, wie man ihn seit Jahrzehnten nennt. In Kestenholz dagegen wollte er nicht Lehrer sein, wie er sagt. «Als Junglehrer im eigenen Dorf, da fehlte mir damals wohl der Mut. Ich meine, Kappel war damals ein Dorf mit 1000 Einwohnern und hatte von allem Anfang an stets ein offenes Ohr für schulische Belange.» Das sei bis heute so geblieben, meint er. Zustände und Infrastruktur, um mit der Zunge zu schnalzen also? «Es passte einfach von Beginn weg», gibt er zu Protokoll. Und vor dem Hintergrund, dass er einmal mit einem Berufswechsel Richtung Journalismus geliebäugelt habe, sagt er freimütig: «Ich hab bis heute nie bereut, meinem Beruf und Kappel treu geblieben zu sein.» Und so kamen die Jahre eben zusammen.

Warum er überhaupt Lehrer wurde? Rudolf von Rohr sagt, das sei eine gute Frage. Dann hebt er an: «Kennen Sie Moser, den Bezlehrer in Oensingen seinerzeit?» Der habe ihm vorgeschlagen, ins Lehrerseminar zu gehen! «Damit war ich einverstanden, und so ging ich eben ins Lehrerseminar.» Rudolf von Rohr hält sich jeweils kurz, wenn er über die eigene Geschichte erzählt.

Eigentlich redet er lieber über pädagogische Prinzipien, Leitlinien, Veränderungen in der Schule, die ihn umtreiben. Er wünsche sich dort mehr Gelassenheit, weniger Dogmatismus. Und er plädiert für Sprachkompetenz, mehr Sprachkompetenz. Umgang mit Deutsch für Migrantenkinder, der im Vorschulalter beginnen soll etwa. «Die Politik macht diesbezüglich heute noch viel zu wenig», sagt er schon fast verzweifelt. Denn die Sprache, davon ist der Lehrer überzeugt, sei die Basis zu allem Lernen.

Lesen und Verstehen als Maxime

Reden Lehrkräfte just darüber, dann brauchen sie den Terminus «Lesen und Verstehen» und sind überzeugt, in diesem symbiotischen anmutenden Prozess gebe es Lücken, zunehmend Lücken. Rudolf von Rohr auch. Er wünscht sich wohl darum grundsätzlich weniger Breite und mehr Tiefe im Unterricht.

Er ist kein Befürworter zweier Fremdsprachen an der Primarschule. «Englisch, das sage ich ganz offen, würde ich kappen.» Französisch im Gegenzug intensivieren. «Natürlich sagen alle: Englisch ist einfacher. Ja und? Ist das vielleicht das entscheidende Kriterium?», fragt er rhetorisch und verweist auf Französisch als Landessprache. «Wenn diese Sprache eine echte Chance haben soll, muss man ihr auch die nötigen Lektionen und ein Lehrmittel, das weder Lehrpersonen noch Schüler an den Rand der Überforderung bringt, zur Verfügung stellen.»

Das tönt, als würde Josy nicht immer den Weg des geringsten Widerstandes gehen wollen. Er deutet auf seinen Lebensbaum, dessen Wurzeln mit Tugenden etikettiert sind. Disziplin etwa kommt da vor, Fairness. Das bedeutet wohl so viel wie: Das Leben ist kein Ponyhof.

Die Schule braucht Teamplayer

Allerdings haben sich in den letzten Jahrzehnten nicht nur Entwicklungen ergeben, an denen sich Rudolf von Rohr reibt. Dass sich Lehrerinnen und Lehrer heute vermehrt als Teamplayer verstehen, gefällt ihm. Kein Wunder bei einem, der als Fussballer den Mannschaftsport schon immer bevorzugte. «Ich bin kein Einzelkämpfer», erklärt er. Also stellt sich die Frage, ob er ein geselliger Mensch sei, nicht? Rudolf von Rohr stutzt bei dieser Bemerkung. «Kommt drauf an, wo gesellig anfängt», sagt er dann. «Ich glaube, ich bin da eher etwas ‹defensiv›. Ich mag es, in kleineren, übersichtlichen Gruppen unterwegs zu sein. Heute frage ich mich manchmal, wie ich in jüngeren Jahren Fussballspiele mit 40 000 Zuschauern besuchen konnte. Das wäre mir heute eher zuwider.»

Natürlich hat einer, der 45 Jahre am selben Ort unterrichtet, nicht nur die Frage nach der Einschätzung seines Curriculum Vitae zu beantworten, sondern auch jene nach der Basis, die eine gute Lehrkraft qualifiziert. Auch da überlegt er nicht lange. Für Josy steht fest, dass die eine Fähigkeit bedingungslos mit der Tätigkeit des Lehrens verknüpft sein muss. «Kinder, ja Menschen muss man mögen. Das zu überprüfen würde ich alle jenen empfehlen, die mit dem Gedanken spielen, in diesen Beruf einzusteigen.» Rudolf von Rohr wischt mit der Hand ultimativ durch die Luft und meint damit: Wer dieses Profil nicht erfüllt, sollte eher nicht Lehrer werden. Wie gesagt: Der Mann hat Prinzipien.

Und noch was hält er für wichtig. Grundsätzliche Neugierde nämlich. Neugierde auf alles, was die Welt so ausmacht. Er sagt nicht, man müsse die Welt mit Kinderaugen sehen können. Aber wer ihm zuhört, wie er argumentiert und mit Gesten untermauert, kommt um diese Vermutung nicht herum.