Die Musik nehmen die fünf brillanten Bläser der Canadian Brass ernst, sich selber und auch Opernhandlungen allerdings nicht. In Georges Bizets stundenlangem Liebesdrama «Carmen» haben sie entdeckt, dass neben den vier Hauptfiguren eine fünfte völlig fehlt. Deshalb kürzen sie das populäre Opernstück auf zehn Minuten Spielzeit und der Tuba-Spieler übernimmt die Rolle des Stiers, der ja sonst auf Opernbühnen nie zu sehen ist.

Statt Carmen stirbt in dieser neuen Version zum guten Schluss der Stier, doch die Tuba wird weitergespielt, auch wenn der Stier schon längst tot am Boden liegt. Humor und Witz, Ironie und ein wenig Parodie gehören zum Image des charismatischen Bläserquintetts, doch all dies gewinnt erst an Unverwechselbarkeit durch die unglaubliche Virtuosität und musikalische Brillanz der fünf Vollblutmusiker.

Canadian Brass in Oltner Stadttheater

Canadian Brass in Oltner Stadttheater

Mitten durch den Saal marschierte die Canadian Brass zuerst mit karnevalesken New-Orleans-Tönen auf die Bühne, sodass erst nach dem zweiten Stück zu sehen war, dass zu ihren dunklen Anzügen samt Krawatte weisse Turnschuhe gehören. Diese sind das Markenzeichen des 1970 in Toronto gegründeten Quintetts, das längst weltweit zu den Spitzenensembles der Kammermusik gehört. Ihr Auftritt in Olten ist das einzige Schweizer Konzert auf ihrer grossen Frühlingstournee durch Europa und die USA. Sie zogen deshalb in Olten ein besonderes Publikum an: Zum einen zahlreiche Profimusiker aus Schweizer Sinfonieorchestern, zum andern Oltner Fukoräte, wurde doch im Programmtitel «Carnaval!» versprochen.

Karnevaleske Töne

Das Versprechen wurde bereits vor der Pause eingelöst, mussten die Fasnächtler doch nachher noch weiter. Zuvor aber amüsierten sie sich köstlich bei einer gediegenen Selektion aus Robert Schumanns «Carnaval». Die kleinen Klavier-Charakterstücke klangen, als hätte sie der Komponist eigens für das kanadische Brass-Ensemble geschrieben. Trompeter Caleb Hudson hat hingegen den traditionellen «Carnival of Venice» fürs Blasensemble arrangiert und begeisterte besonders mit seiner meisterlichen vierten Variation. Doch nicht genug!

Anschliessend spielte er noch mit seiner Piccolo-Trompete eine fünfte Variation voll virtuoser hoher Töne. Was man mit einem schweren Blasinstrument ausser Musizieren sonst noch alles anstellen kann, bewies ausgerechnet der älteste des Quintetts und einer seiner Gründer: Der 73-jährige Tuba-Spieler Conrad Charles «Chuck» Daellenbach, US-amerikanisch-kanadischer Musiker mit Schweizer Grossvater, profilierte sich nicht nur mit einem brillanten Solo im «Tuba Tiger Rag» des Musical- und Jazzkomponisten Luther Henderson. Nein, sein schweres und unförmiges Instrument drehte er, immer weiterblasend, um 360 Grad und bewies so gleichzeitig musikalische Könnerschaft wie auch bemerkenswerte Fitness. Etwas, das allerdings auch den drei weiteren Musikern des Quintetts zu attestieren ist: Chris Coletti (Trompete), Jeff Nelson (Horn) und Achilles Liarmakopoulos (Posaune) sorgten durchweg für Wohlklang und gute Laune.

Unmöglich lassen sich alle Höhepunkte des sensationellen Konzerts aufzählen: Wie verträgt sich die Ouvertüre von Mozarts «Zauberflöte» mit Bachs «Kleiner Fuge in g-Moll»? Oder das alte Kirchenlied «Amazing Grace» mit dem modernen «Libertango» von Astor Piazzolla? Die Canadian Brass mischen seit jeher und inzwischen auf über 60 CDs klassische Musik ungeniert mit Dixieland und Walzerrhythmen mit schrägen Jazztönen. Herkunft und Genre der Musik spielen keine grosse Rolle, wichtig ist ihnen vielmehr deren Qualität. Gleich zwei Zugaben rissen schliesslich das Publikum von den Sitzen zu einer langen Standing Ovation voller Bravos: Der über 100-jährige, unverwüstliche «Beale Street Blues» und Rimski-Korsakows temporeicher Ohrwurm «Hummelflug».