Extremsport
Mountainbiker hat sich vorbereitet, aber: «Simulieren kann man ein 24-Stunden-Rennen nicht»

Dominik Hug bewies am 24-Stunden-Rennen seine grosse Leidensfähigkeit. Er fuhr gleichviele Runden wie der Sieger und wurde Vize-Europameister.

Raphael Wermelinger
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Dominik Hug überstand das 24-Stunden-Rennen in Davos nicht nur mit Bravour, er wurde sogar Vize-Europameister.

Dominik Hug überstand das 24-Stunden-Rennen in Davos nicht nur mit Bravour, er wurde sogar Vize-Europameister.

ZVG

«Meine Gelenke und der Hintern sind noch zu beansprucht, um mich gleich wieder aufs Bike zu setzen.» Drei Tage nach dem 24-Stunden-Rennen in Davos spürte Dominik Hug die Strapazen immer noch. Doch das Leiden hat sich gelohnt: Der 33-jährige Oltner fuhr innert 24 Stunden exakt 396 Kilometer und wurde Vize-Europameister. «Ich habe alles gegeben und bin sehr stolz auf das, was ich erreicht habe», resümierte er gezeichnet, aber glücklich.

Einmal im Leben

«Vor fünf Jahren habe ich mir gesagt, wenn ich 33 bin, fahre ich das Rennen alleine», äusserte sich Hug zu seinen Beweggründen. Bereits sechsmal hat er am 24-Stunden-Rennen in Davos teilgenommen. In den Vorjahren startete er aber jeweils in einem 4er- oder 6er-Team. «Ich wollte mir persönlich beweisen, dass ich es auch alleine schaffe. Ich wollte noch mehr an meine Grenzen gehen.»

Ende 2015 meldete sich Dominik Hug für das Rennen an. Nach dem Motto «Once in a Lifetime». «Als ich herausfand, dass das Rennen in Davos in diesem Jahr als Europameisterschaft zählt, war mein Entschluss endgültig gefasst», so Hug. «Das erlebt man nur einmal im Leben.»

So stand die erste Jahreshälfte für den Geologen aus sportlicher Sicht ganz im Zeichen der Vorbereitung auf Davos. «Simulieren kann man ein 24-Stunden-Rennen nicht», stellt er klar. «Ich hatte 2015 aber eine gute Form und wusste deshalb, dass ich bereit sein würde, wenn ich ähnlich trainiere wie im letzten Jahr.» Zwei kleine, aber nicht unmerkliche Änderungen baute er trotzdem ein: einen Sport-Mentalcoach und Yoga. «Das waren entscheidende Puzzleteile», ist er überzeugt.

12-Stunden-Test auf Santelhöchi

Dominik Hug nutzt nicht nur seine Freizeit, sondern vor allem seinen Arbeitsweg von Olten nach Muttenz zum Trainieren. Trainingspläne sagen ihm nichts: «Ich habe einfach Freude am Fahren und fresse so viele Kilometer wie möglich.» So mache er auf dem Heimweg jeweils noch einen grossen Umweg, um noch mehr Kilometer in die Beine zu bekommen.

Die Hauptprobe für das 24-Stunden-Rennen absolvierte Hug an Fronleichnam vor einem Monat. Während zwölf Stunden fuhr er die Runde von Hägendorf nach Bärenwil, über die Santelhöchi runter nach Egerkingen und zurück nach Hägendorf. Die Teststrecke entspricht ziemlich genau der Länge einer Runde in Davos. «Ich wollte vor allem herausfinden, worauf ich Appetit verspüre und was ich essen soll während des 24-Stunden-Rennens.» So machte er jedes Mal Halt auf der Santelhöchi. Seine Helfer warteten jeweils mit einem Sortiment an Süssem, Salzigem und Sportfood. «Nach dem Test wussten wir genau, welche Nahrungsrationen wir für Davos brauchten.»

Hug spricht oft von «wir», weil ihn ein siebenköpfiges Team unterstützte. «Ein überdurchschnittlich grosses Team», sagt er selbst. «Aber ich wollte, dass sie sich ablösen können, damit alle motiviert bleiben.» So seien sein Vater und dessen Freundin dafür zuständig gewesen, dass die übrigen Helfer stets umsorgt waren. Team-Captain war Dominiks jüngerer Bruder Matthias, der den ganzen Rennablauf managte. Nebst drei Freunden – darunter auch ein gelernter Velo-Mechaniker – wurde Dominik Hug auch von seiner Freundin Danila Iseli begleitet: «Sie ist meine Inspiration und Motivation zugleich.»

Überstehen lautete das Ziel

Insgesamt 33 Runden à 12 Kilometer fuhr der 33-Jährige in Davos. Auf einer abwechslungsreichen Strecke, wie er schildert: «Von Teer und Waldstücken über Rasen bis zu Kies waren alle Unterlagen dabei. Und ein paar knackige Singletrails.» Aufs Schlafen hat er ganz verzichtet, gegessen nur wenig. Bei jeder Zieldurchfahrt gönnte er sich einen Snack: «Meine Helfer hatten zwischendurch die Befürchtung, dass ihnen der Tilsiter und die Ovo-Schokolade ausgehen könnten.» Zum Glück gab es keine Engpässe und Hug konnte wie geplant fast die ganzen 24 Stunden im Sattel bleiben.

Seine Taktik für das ganztägige Rennen: Das Wohlfühl-Tempo finden und durchziehen, nie im roten Bereich fahren. «Einen wirklich heftigen Einbruch hatte ich nicht», ging die Strategie auf. «Bei kleineren Krisen konnte ich mich schnell wieder auf andere Gedanken bringen. Die Beine haben eigentlich von alleine gedreht.» Sehr speziell sei das Fahren in der Nacht: «Man ist ein bisschen orientierungslos. Es gibt keinen Speaker in der Nacht. Deshalb hat man nicht wirklich eine Ahnung, was im Rennen gerade abgeht.»

Am Sonntagnachmittag um 14 Uhr wars überstanden. Dominik Hug fuhr gleichviele Runden wie der Sieger. Dieser absolvierte die 33 Durchfahrten aber ein bisschen schneller. Wäre sogar der EM-Titel möglich gewesen? «Vielleicht, aber das beschäftigt mich nicht. Wenn ich es riskiert hätte und Vollgas gefahren wäre, hätte es mich vielleicht verblasen. Das Podest war nicht das Ziel, sondern das Überstehen des Rennens.» Er schaffte beides. Doch wann steigt er wieder aufs Bike? «Vielleicht am Wochenende, aber nur ganz locker.»

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