Am 29. Juli 1948 wurden in London die ersten Olympischen Sommerspiele nach dem Krieg feierlich eröffnet. In der Schweizer Delegation mit dabei war auch die Schweizer Landhockey-Nationalmannschaft. Das Besondere daran war: Der Hockey-Club HC Olten stellte allein fünf Spieler – mithin fast die Hälfte der elfköpfigen Equipe. Vom Stadtrivalenklub HC Blauweiss Olten hatte hingegen kein einziger das Aufgebot für die Olympischen Spiele erhalten. Beide Klubs existieren noch heute.

In der Heimatstadt warf die Olympiateilnahme keine hohen Wellen. In der Vorschau auf das Entscheidungsspiel am 4. Juli 1948 um die Schweizer Meisterschaft gegen Stade Lausanne schrieb Edmund Achini in den beiden Tageszeitungen «Das Volk» und Oltner Tagblatt: «Für die Oltner Spieler, welche in der Nationalmannschaft aufgestellt sind, wird dieses Spiel gleichzeitig die Bewährungsprobe sein.» Am Ende des Artikels fügte er die Mannschaftsaufstellung an, wobei die für die Nati selektionierten Spieler mit einem Sternchen bezeichnet wurden. Deren Namen lauteten: Walser, Vogt; Eger, Grolimund und Rippstein. Mehr nicht. Und im Vorfeld der Olympischen Spiele gaben die Sportjournalisten den Hockeyanern wenig Kredit: «Das Schweizteam dürfte in seiner Gruppe kaum über den dritten Platz hinauskommen», prophezeiten sie.

Nüchterner Empfang

Sie sollten sich täuschen. Im ersten Gruppenspiel traf die Schweiz im Guinness Sports Ground in Park Royal bereits auf den Favoriten Grossbritannien. Die späteren Silbermedaillengewinner konnten die Schweizer Hintermannschaft jedoch nicht bezwingen, obwohl sie pausenlos angriffen: «Die Landhockeyaner trotzten der gefährlichen Elf der Briten ein ehrenvolles 0:0 unentschieden ab». Gegen Afghanistan geriet die Schweiz 1:0 in Rückstand; zwanzig Sekunden vor Schluss erzielte der Oltner Otto Grolimund aber den Ausgleich. Im dritten Spiel gegen die USA gewannen die Rotjacken mit 3:1. Damit blieben sie ungeschlagen und nur gerade einen Punkt hinter Gruppensieger Grossbritannien. «Die überraschend guten Leistungen der Hockeyaner verdienen einen Hinweis. Die Schweizer lieferten prächtige Kämpfe, die ihnen grosse Beachtung eintrugen», kabelte die Sportinformation nach Hause. Der zweite Rang reichte aber nicht für die Finalrunde. Die einheimische Öffentlichkeit nahm das hervorragende Resultat kaum zur Kenntnis. Als die Oltner heimkehrten, blieb der grosse Empfang aus. Nur gerade die Angehörigen holten die Olympioniken am Bahnhof ab.

Die Nationalmannschaft beim Spiel Anfang Mai 1948 in Zürich gegen Ungarn (oben), beim Länderspiel an den Olympischen Spielen gegen die USA (unten) und der erste Oltner Nati-Spieler Hugo Walser (links). Fotos: Zvg

Die Nationalmannschaft beim Spiel Anfang Mai 1948 in Zürich gegen Ungarn (oben), beim Länderspiel an den Olympischen Spielen gegen die USA (unten) und der erste Oltner Nati-Spieler Hugo Walser (links). Fotos: Zvg

Der Nationaltrainer Henry Poncet bot fünf Spieler vom HC Olten für den Anfang Juli zu einem Trainingswochenende und für das Olympia-Abenteuer auf. Im Sturm setzte er auf die Routiniers Josef Rippstein (Jahrgang 1916) und Otto Grolimund (Jahrgang 1918). Beide kamen gegen England und Afghanistan zum Zug. Grolimund galt als wieselflinker Rechtsaussen. Seine Laufstärke, gepaart mit einem aussergewöhnlichen Drang zum Tor, machten den Wangner zu einem gefährlichen Goalgetter. «Er stand beinahe immer goldrichtig, wenn es im Strafraum des Gegners etwas zu Erben gab», erinnerte sich der Sportjournalist Walter Ernst im Oltner Tagblatt. Prompt schoss Otto Grolimund vor 1000 Zuschauern gegen Afghanistan den Ausgleich in der 69. Minute. Im Mittelfeld kamen Robert Eger, der spätere Oltner Stadtschreiber, und in der Verteidigung Karl Vogt zum Einsatz.

Der fünfte Oltner in der Olympia-Selektion hiess Hugo Walser. Der damals 37-jährige Zahntechniker war der Doyen der Rotjacken. Walser war wegen einer in jungen Jahren erlittenen Unfallverletzung am Bein leicht handicapiert. Das hinderte ihn nicht an einer internationalen Sportkarriere. Mit 19 Jahren war er mit dem soeben gegründeten HC Olten Regionalmeister geworden, 1934 Schweizer Meister. Sein erstes Aufgebot in die Schweizer Nationalmannschaft erhielt Hugo Walser 1938 gegen Deutschland – als erster Oltner überhaupt. Einen Namen schuf sich Hugo Walser übrigens auch als Fasnächtler, der die Bully-Sängerclique auf dem Handörgeli begleitete.

Es waren alles reine Amateure

Die Schweizer Nati bestritt in London noch zwei Freundschaftsspiele. Sie besiegte Frankreich mit 2 zu 0 Toren, gegen den späteren Olympiasieger Indien verteidigte sie ein ehrenvolles 0:0-Unentschieden. Die Spieler konnten dazwischen den Aufenthalt an den Olympischen Spielen für Ausflüge in die Umgebung Londons nutzen.

Die Schweizer Hockey-Delegation an den Olympischen Spielen in London umfasste 16 Wettkämpfer und 3 Offizielle. Die Reise mit Zug und Fähre Basel-London kostete 235 Franken pro Person. An die Verpflegung und Hotelunterkunft während des 23-tägigen Aufenthalts in der Themsestadt bezahlte der Verband 25 Franken pro Person und Tag. Für den Einzug ins Wembley-Stadion am Eröffnungstag war eine einheitliche Bekleidung mit Krawatte vorgeschrieben. Die Hockeyaner liessen sich den Anzug bei Kleider Frey in Wangen bei Olten anmessen. An den Preis von 200 Franken bezahlte die Sport-Toto-Gesellschaft hingegen nur 80 Franken, mehr als die Hälfte übernahmen die Spieler selber. Sie waren damals alle noch hundertprozentige Amateure.

Quellen: Stadtarchiv Olten, Stadtbibliothek Olten, Verband Swiss Olympic sowie Auskünfte von Privatleuten Esther Biland-Walser, Thomas Walser, Kathrin Marbet-Grolimund sowie François Béboux vom Verband Swiss Hockey; die ersten Hinweise gaben Wolfgang Moor und Walter Brun.