Pendlerstadt Olten
Mit 200 Stundenkilometer am Autobahnverkehr vorbei: Christian Ginsig, der Speisewagen-Pendler

Christian Ginsig ist SBB-Mediensprecher und pendelt täglich von Olten nach Bern. Dabei setzt er sich gerne in den Speisewagen.

Fabian Muster
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Christian Ginsig nutzt als Pendler regelmässig den Speisewagen.

Christian Ginsig nutzt als Pendler regelmässig den Speisewagen.

key/fmu

Er muss sich von Berufes wegen unter anderem mit den Problemen der Pendler herumschlagen, ist aber selbst einer: Christian Ginsig, 45, Mediensprecher bei den SBB, wohnt seit 20 Jahren in Olten, arbeitet beim Hauptsitz in Bern.

Wir treffen uns kurz vor sieben Uhr auf Gleis 12. Er nimmt oft den 6.57-Uhr-Eurocity Richtung Mailand. Sein Ritual: Weil er morgens kaum Zeit hat für ein Frühstück, setzt er sich in den Speisewagen und bestellt sich dort einen Kaffee mit Gipfeli. «Zuhause ist der Morgen mit Stress verbunden», sagt Ginsig, Vater einer zweijährigen Tochter.

Serie Pendlerstadt Olten

Täglich benutzen 80'000 Menschen den Hauptbahnhof Olten als Ein-, Aus- oder Umsteigeort. In einer Serie zeigt das OT die verschiedenen Gesichter der Pendler und des Pendelns.

Etwas mehr Gemütlichkeit

Als Speisewagen-Pendler trifft er immer wieder die gleichen Leute, die sich morgens ebenfalls etwas mehr Gemütlichkeit gönnen. Eine schöne Anekdote dazu: Statt in Bern auszusteigen, fuhren ein paar Gleichgesinnte auch schon mal mit dem gleichen Eurocity bis nach Mailand durch und gönnten sich einen Apéro auf der Piazza del Duomo. Das Pendeln im Speisewagen, das ist das soziale Gegenprogramm zu demjenigen, der morgens nur in seinen Bildschirm schaut und News liest oder eine Netflix-Serie konsumiert. «Ich würde mich gegen die Abschaffung der Speisewagen wehren», sagt Ginsig fast schon etwas kämpferisch.

Im Zug liest er das Oltner Tagblatt fertig und beginnt danach die Presseschau der SBB durchzuackern. Alle Artikel, die zu den Schweizerischen Bundesbahnen täglich erscheinen, sowie weitere bahnspezifische Beiträge werden in einem PDF zusammengefasst, das auch schon mal bis zu 160 Seiten umfassen kann. Inzwischen hat er das File in wenigen Minuten durchgesehen, nur die wichtigsten Artikel werden quergelesen. Es bleibt also noch Zeit für einen Schwatz mit den anderen Speisewagen-Pendlern. Sie kennen ihn, wissen, dass er bei den SBB arbeitet und tragen auch schon mal ihre Sorgen an ihn, der zeit seines beruflichen Lebens bei den Bundesbahnen tätig ist und ursprünglich eine Lehre als Bahnbetriebsdisponent absolviert hat.

Pendler sind Gewohnheitstiere

Er muss es also wissen: Welche Probleme treiben die Pendler am meisten um? Der Pendler sei ein absolutes Gewohnheitstier, sagt Ginsig, der selbst über 2000 Kilometer pro Monat zurücklegt. Daher dürfe auch ja kein Zug verspätet sein oder in falscher Formation im Bahnhof eintreffen. «Dann geht jeweils das Murren los.» Zudem will der Pendler in seinen Augen so effizient wie möglich von A nach B kommen und hasst es, umzusteigen. Dafür würde Ginsig selbst auch eine längere Fahrzeit in Kauf nehmen. «Je weniger man umsteigen muss, desto besser kann man die Zeit im Zug nutzen.»

Seine Türe-zu-Türe-Wegzeit beträgt 55 Minuten. Das sei absolut Okay. Um 6 Uhr morgens klingelt der Wecker, um 6.45 geht er aus dem Haus im Säliquartier und kommt um 7.40 Uhr beim 2014 neu eröffneten Hauptsitz im Berner Wankdorf an. Zudem sei Olten-Bern seine Lieblingspendlerstrecke. «Man fährt ruhig und komfortabel mit 200 Stundenkilometern am Autobahnverkehr vorbei.»

Riesenpotenzial für Olten

Der ehemalige Grünliberale-Gemeinderat macht sich auch Gedanken über die Zukunft der Mobilität. In seinen Augen hat Olten ein «Riesenpotenzial», das die Stadt noch zuwenig nutzt. Olten müsste in diesem Bereich mehr Innovationen wagen und etwa selbstfahrende Busse in die Quartiere wie Olten SüdWest oder Velosharing fördern. Zwar seien Züge von Stadt zu Stadt das vielleicht effizienteste Fortbewegungsmittel, weil viele Leute von A nach B transportiert werden können. Doch bei der Feinverteilung in die Dörfer oder Quartiere stosse dieses Konzept an seine Grenzen. Hier müssten neue Lösungen her, die ihm zufolge mithilfe von Sharing und elektrischer Mobilität entstehen werden.

Dreimal pro Woche besucht seine zweijährige Tochter die Kita. Dann zeigen sich auch die Schattenseiten des Pendelns. Damit er sie rechtzeitig bis um 17.45 Uhr abholen kann, muss er schon kurz vor fünf Uhr auf den Zug. «Wenn ich sehe, dass es eng werden könnte, dann fahre ich über Mittag in den SBB-Aarepark nach Olten und kann dort bis 17.30 Uhr arbeiten», sagt Ginsig. Einen Vorteil des Bahnunternehmens, den er schätzt: Zwar hat er als einer der wenigen Mitarbeiter in Bern noch einen festen Arbeitsplatz, doch er kann auch aus Olten, Zürich oder Lausanne arbeiten.

Pünktlich um 7.24 Uhr kommen wir ihn Bern an. Um 7.30 Uhr fährt die S3 nach Bern Wankdorf. Diesmal gibts kein «Turnschuhanschluss», wie er es nennt. Es bleibt genügend Zeit für den Wechsel vom Gleis 6 zum Gleis 13.