In den USA habe er sich das angewöhnt; morgens einen Kaffee im Becher zu kaufen. Mit aufgesetztem Deckel samt Trinkschlitz. Coffee-to-Go nennt sich das Ding heute; früher hiess das einfach Kaffee zum Mitnehmen. «Ich meine, den Kaffee im Büro dort drüben konntest du einfach nicht trinken.» Thomas W. Jung, Geschäftsführer der Immobilienfirma Giroud Olma, lacht. Dreimal die Woche fährt der Mann von Zürich nach Olten und wieder zurück. «Seit mehr als 20 Jahren», erklärt Jung. Häufig gönnt sich Mister Sälipark einen Kaffee von Starbucks, den er sich im Hauptbahnhof Zürich beschafft.

Er sagt von sich, privilegierter Pendler zu sein: Nein, nicht des Kaffees wegen. Sondern weil er morgens erst knapp vor 8 Uhr den Zug besteigt, der ihn an den Jurasüdfuss bringt. «So kann ich den grossen Stosszeiten aus dem Weg gehen», erklärt er. Und die Tatsache, dass er dies nicht täglich machen muss, zählt er ebenfalls zu den Vorzügen. «Ich glaube, das Pendeln sorgt im Laufe der Zeit für eine gewisse Tristesse, für Abnützungserscheinung sozusagen», vermutet Jung, der grossen Respekt empfindet vor all jenen, die täglich im Berufsverkehr unterwegs sind.

Doch etwas lebendiger

«Wissen Sie, es ist ganz bequem, an der Spitze des Zuges einen arbeitend zu wissen, der dich sicher ans Ziel bringt.» Derweil nämlich kann sich Jung der geschäftlichen Basics annehmen, die ihm seine Sekretärin in einem rotfarbenen Kartonmäppchen zurechtgemacht hat. Allerlei Papiere, Entwürfe, Notizen, von denen der Chef zumindest Kenntnis haben sollte. Ganz auszufüllen aber scheint ihn die Aufgabe nicht, denn Jung kann ohne Übertreibung als aufmerksamer Beobachter des Pendlerkosmos bezeichnet werden. Manchmal fährt der Mann auch 2. Klasse, weil ihm die Leiterin Personenverkehr mal geraten hat, dort lasse sich die fröhlichere Pendlerschar finden. «Tatsächlich», so stellt Jung fest, «scheint dort die Fröhlichkeit mehr Platz zu haben.»

Aber auch in der 2. Klasse: Verbreitete Heiterkeit kann nicht erwartet werden. Jung versucht manchmal, mit den Pendlern Kontakt aufzunehmen. Sichtkontakt. «Wissen Sie, einfach ein freundliches Lächeln, einen freundlichen Augenblick verschenken», sagt er. Der Unternehmer ist damit selten bis nie erfolgreich. Er nippt am Starbucks-Café und wirft einen Blick aus dem Fenster. «Das machen Pendler in der Regel übrigens auch nicht.» Was? «Eben, aus dem Fenster schauen», sagt Jung fest heiter.

Bei allem Sinn für Betrieb wundert sich Mister Sälipark gelegentlich über die Praktiken seiner Mitreisenden. Telefonieren etwa. «Das ist für mich eher etwas Intimes, möchte ich nicht mit meinem Sitznachbarn teilen», sagt er. Und wenn sein Telefon trotzdem klingelt? Er gehe schon ran, aber sage seinem Gegenüber an der Leitung jeweils, er Jung, könne nur zuhören. «Und manchmal lasse ich den Anrufer wissen, ich würde später zurückrufen.»

Todeszone Ruheabteil

Bei allem Sinn für Intimität: Das sogenannte Ruheabteil mit seiner durchdringenden Lautlosigkeit in den Zügen verortet Jung in der ‹Todeszone›, wie er die Atmosphäre benennt. «Ich durchquere diese Zone nur in absoluten Notfällen und bete zu Gott, dass nicht just in diesem Moment mein Handy klingelt.» Manchmal aber muss Jung auch dieses Abteil nutzen. Er vergleicht dies mit einem Super-GAU und denkt mit viel Empathie an Situationen, bei denen sich nichts ahnende Touristen ins Abteil verirren und zu sprechen beginnen.

«Im besten Fall kommen Blicke, die töten könnten; im unglücklichsten Fall ereignet sich bei einem genervten Passagier ein Nervenzusammenbruch», stellt Jung pointiert fest. Man spüre hier äusserst selten lebenbejahende Energie. Jung gewinnt dieser Situation auch einen satirischen Moment ab. «Vielleicht sollte die SBB diesen Zugabteil umbenennen; in ‹reserviert für die vom Leben verbitterten Leute›.»

Die SBB sind super

Jung hat in mehreren Kontinenten gearbeitet: Nordamerika, Asien. Aber nirgends, so sagt er, habe er einen derart guten Bahnbetrieb kennen gelernt wie jenen in der Schweiz. «Vielleicht noch jenen in Japan», schiebt er hinterher. Was die SBB ihren Nutzern biete, sei «einfach der Hammer», wie sich der Unternehmer ausdrückt. Obwohl ausgerechnet auf dieser Fahrt ist die Toilette im 2. Klass-Waggon ausser Betrieb, wofür sich die SBB mit einer rotfarbenen Affiche entschuldigt. Jung ist dieser kleine Makel gar nicht aufgefallen.

Er ist ein zufriedener Pendler. Nur dem Bahnhof Olten kann er wenig abgewinnen. Er bezeichnet ihn als Wermutstropfen. «Ein Bahnhof ist die Visitenkarte einer Stadt», sagt Jung. Jener von Olten wirft ein schiefes Licht auf die Stadt am Jurasüdfuss: wenig repräsentativ, wenig mondän, wenig neuzeitlich, vielleicht gar altbacken. «Warum geht das in Aarau oder Visp, nicht aber in Olten?», fragt er sich und nimmt seinen letzten Schluck aus dem Kaffeebecher. Und schon nähert sich der Interregio nach 31 Minuten just jenem Bahnhof, dem Jung so wenig Charme abgewinnen kann. Einfahrt pünktlich um 08.26 Uhr auf Gleis 9. Wie sagte der Unternehmer doch zuvor: «Einfach der Hammer.» Irgendwie schon.