Die Baute ging durch schier alle bestimmenden baurechtlichen Instanzen und war für hiesige Verhältnisse eine Neuheit: Ein Minarett, oder sagen wir, das Modell eines Minaretts sollte das Dach der Fabrikliegenschaft an der Industriestrasse 2 in Wangen zieren. Stumm sollte es bleiben, ohne Beschallung. Und es sollte auch nicht begehbar sein. Eingerichtet wurde das Minarett vom türkischen Kulturverein, eine bis zu jenem Zeitpunkt ziemlich unauffällige Gruppe, die 1978 gegründet und erst in Olten domiziliert war, ab dem Jahr 2002 aber in Wangen eine neue Bleibe fand.

Es ging schon damals die Kunde im Dorf, dass man nichts wisse über den Verein. Und als dieser in seinem assortierten Fahnenschmuck, der neben der türkischen, der schweizerischen und der Wangner Flagge auch noch eine an die «Grauen Wölfe» mahnende präsentierte, war der gesellschaftliche Aufruhr perfekt. Denn der Begriff «Graue Wölfe» bezeichnet türkische Rechtsextremisten. Mittlerweile ist letztere wieder verschwunden. Jene von Wangen übrigens auch. Vor Jahren hatten die führenden Mitglieder des Vereins dem Schreibenden versichert, nichts mit den «Grauen Wölfen» am Hut zu haben. Wieso sie aber die fragliche Fahne aufgezogen hatten, konnten die Männer auch nicht schlüssig erklären.

Präsident in den Ferien

Nachfragen beim Verein heute ist eine schwierige Angelegenheit. Vom türkischen Kulturverein mag sich niemand zur Vergangenheit äussern. Der Präsident sei in den Ferien, heisst es von inoffizieller Seite. Und: der werde sich allenfalls melden, wenn er zurück sei. Aus vergangenen Jahren ist bekannt, dass sich der Verein in der medialen Berichterstattung rund um das Projekt Minarett im schiefen Licht dargestellt sah und daher wenig Kontakte nach aussen sucht. Ein gewisses Misstrauen prägt die Szenerie an der Industriestrasse 2 noch heute merklich.

Und sonst: Wie nehmen Wangnerinnen und Wangner die Baute heute wahr? Gemeindepräsidentin Daria Hof: «Ums Minarett ist es sehr ruhig geworden», sagt sie. Es gebe weder Reklamationen noch überhaupt irgendwelche Bemerkungen von aussen, die in den Rat vordringen würden. Überrascht ist die Gemeindepräsidentin darüber nicht. Es sei immer so: «Etwas ausserordentlich Neues, so wie das Minarett dies war, gibt immer viel zu reden.» Dann beruhige sich die Situation wieder. Ins selbe Horn stösst der einstige Verwaltungsleiter Beat Wildi. «Kaum war das Minarett aufgerichtet, ebbte die ganze Aufregung ab.» Heute sei davon nichts mehr zu spüren.

Zur Frage, inwiefern sich Verein und Bevölkerung in den letzten zehn Jahren angenähert hätten, meint Daria Hof: «Ich glaube kaum, dass sich eine wesentliche Annäherung ergeben hat.» Man komme reibungslos aneinander vorbei. Es gebe allerdings auch keine Bemühungen des türkischen Kulturvereins, mit der andern Seite in Kontakt zu treten. «Aber das lässt sich natürlich immer über die andern sagen, wenn man selbst nicht aktiv wird», so die Gemeindepräsidentin selbstkritisch. Und meint damit, dass auch das offizielle Wangen keinerlei Bemühungen gestartet habe, allfällige Fronten aufzuweichen und integrativ zu wirken.

Situation beruhigt

Mit der Situation abgefunden hat sich Roland Kissling, der seinerzeit zu den schärfsten Kritikern des Minarettbaus gehörte. «Die Situation hat sich sicher beruhigt», meint er. «Aber da war eine Zeit lang dieses Hickhack um die Fahne der ‹Grauen Wölfe›. Dieses Unwohlsein köchelt meiner Ansicht nach noch immer irgendwie vor sich her», sagt der Mann im Ruhestand am Telefon. Denn noch immer gebe es keine Klarheit, wie Verein beziehungsweise Mitglieder in dieser brisanten Frage ticken würden. «Man weiss es einfach nicht», bilanziert Kissling.

Er sieht deshalb auch den Gemeinderat Wangen in der Verantwortung, Licht ins Dunkel zu bringen. Und sonst? Offenkundig sei, dass das Vereinslokal am Freitag besonders viele Besucher anziehe. «Dann ist halt alles überstellt mit Fahrzeugen. Das nimmt man gelegentlich noch etwas irritiert zur Kenntnis», erzählt Kissling. Im Übrigen aber nimmt auch er wahr: Das Thema ist abgehakt. Und, so Kissling schliesslich: «So etwas muss einen auch nicht wundern in dieser schnelllebigen Zeit.»