Am Donnerstag und Freitag zeigte Mike Müller mit dem Stück «Elternabend» im ausverkauften Theaterstudio den Alltag in einem Schulhaus, wie es sie unzählige in der Schweiz gibt.

Ganz gewöhnlich ist dieses Schulhaus nicht. Es handelt sich um das Ämtlerschulhaus in Wiedikon. Einer seiner prominentesten Schüler war kein anderer als Köbi Kuhn, dessen Geschwister es bis nach Kanada geschafft haben. Nur er, Köbi, hat es «nur» von Wiedikon nach Wiedikon geschafft. So erfährt man in einer ersten Einspielung. Aber nicht nur Kuhn wurde interviewt, Schülerinnnen und Schüler, Lehr- und Amtspersonen. Mike Müller übernimmt den Part dieser Einspielungen.

Kuhn erinnert sich an seine Schulzeit, die nicht immer einfach war. «Meine Geschwister haben es immerhin nach Kanada geschafft, ich nur von Wiedikon nach Wiedikon. Müller hat aber nicht nur den ehemaligen Natitrainer interviewt. Dass er den Peter Bichsel geben kann, wissen wohl die meisten. Er versteht es auch aufs Beste einer italienischen Schülerin oder dem Hauswart Gestalt zu verleihen. Wobei sich dieser heute Leiter Hausdienst und Technik nennt.

Voller Körpereinsatz

Wie üblich gibt der Oltner Müller alles: Voller Körpereinsatz ist angesagt. Durch Mimik und Körpersprache verleiht er seinen Figuren Glaubwürdigkeit und Authentizität. Wenn auch die Beschreibung einer Patchwortfamilie für Lachstürme sorgt, das Lachen bleibt einem oft im Hals stecken. Dann der eigentliche Elternabend. Altbekannte Schulstühle sind im Kreis aufgestellt. Mal sitzt Müller auf diesem Stuhl, dann wieder auf dem anderen. Und verwandelt sich damit in die besorgte Mitbegründerin des Elternrats, dann wieder in den sprachunkundigen Immigranten. Man spricht miteinander über wichtige Themen, aber auch aneinander vorbei.

Mobbing ist zweifellos ein wichtiges Thema in der heutigen Schulwelt, das Wort wird aber auch überstrapaziert. Ebenso wie Integration und Prävention. Ganz zu schweigen vom Begriff «Förderung» sein. Begabtenförderung und Sprachförderung, Förderung von Kompetenzen. Am Schluss steht wohl die Förderung der Förderung. Wofür steht QIMS? «Qualität in multikulturellen Schulen»? Welch ein wunderschönes Wort. Irgendwie wünscht man sich die Schulen zurück, wie sie Anker noch malte.

Politiker aufs Korn

Müller nimmt auch die Politiker aufs Korn. Insbesondere die Partei, die immer wieder nach harten Massnahmen schreit, wird nicht verschont. «Disziplin statt Kuscheln» und «Leistungsprinzip», auch diese so beliebten Schlagworte werden entlarvt. Die Wertung überlässt Müller aber dem Publikum. Viel Raum lässt Müller den Schülerinnen und Schülern. So dem jungen Mann aus Exjugoslawien, der entweder Polymechaniker, Kleinkindererzieher, Carosseriespengler oder Polizist werden möchte; und gleichzeitig irgendwie nicht daran glaubt, einen dieser Berufe ergreifen zu können. Hoffnungslos ist die Situation der Schülerinnen und Schüler aber dennoch nicht. Eine ehemalige Lehrerin von Köbi Kuhn prophezeite diesem eine Karriere bei der Mühlabfuhr. So berichtet er in einer Einspielung. Wie wir alle wissen, hat sich die Dame gewaltig getäuscht.

Müller hat aus Fragmenten und Schnipseln eine Collage über den ganz normalen Schulalltag erstellt, die zum Nachdenken anregt. Lösungen bietet er keine, legt den Finger aber auf wunde Punkte.

Diese gut sechzig Minuten Unterhaltung sollten sich weder Lehrerschaft noch Behörden entgehen lassen.