Ohne Umschweife begann die einstige Vorsteherin des EDA den Abend mit einem Auszug aus ihrem Ende Januar erschienenen Buch und nahm die Anwesenden mit, wie konnte es anders sein, auf ihre Reise nach Teheran im Jahr 2008. Die Fotografien der Schweizer Aussenministerin mit Kopftuch hagelten damals Kritik und Unverständnis.

In der Textpassage schildert Calmy-Rey die Ereignisse von Beginn an. Das grosse Vorhaben des Aufenthalts sollte das Gespräch über das umstrittene iranische Atomwaffengesetz darstellen. Zum Treffen mit dem Ministerpräsidenten dürften Frauen allerdings nur mit Kopftuch erscheinen, so hiess es. Nach gescheiterten Versuchen, diese Auflage zu umgehen und der intensiven Beratung innerhalb der Schweizer Delegation, entschied man sich für das Gespräch, für den Menschenrechtsdialog, anstatt unverrichteter Dinge wieder abreisen zu müssen. Dass sie bei diesem Besuch zweimal «ausgetrickst» und fotografiert wurde, darauf hätte Micheline Calmy-Rey gerne verzichtet.

Mit einem Lächeln gestand Calmy-Rey zu Anfang des Interviews mit Gieri Cavelty, stv. Chefredaktor der Aargauer Zeitung, dass sie selber erstaunt sei, heute Autorin zu sein. Der Grund für ihr Buch liege besonders in ihrer Verwunderung darüber, dass ein so offenes Land wie die Schweiz so zurückhaltend ist, was die eigene Aussenpolitik anbelangt. «Die Schweiz tut sich schwer mit abstrakten Strategien und hat, wie die Abstimmung vom 9. Februar deutlich zeigt, Angst vor der Globalisierung.»

Auf die Frage des Moderators hin, ob unser Land nun nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative in Europa eine Anwältin brauche, antwortete Calmy-Rey mit einem klaren Statement. Sie sei nun zwar Gastprofessorin und referiere über die Rolle der Schweiz und ihr modernes System, aber sie trage keine Verantwortung mehr in der Schweizer Politik. Das Mindeste, was man ihrer Meinung nach tun könnte, sei, das Initiativrecht zu überprüfen.

Eine unmissverständliche Antwort

Von Cavelty auf die Veränderung ihres Äusseren angesprochen, reagierte Calmy-Rey sehr bestimmt – zu Recht. Ob auf das Kopftuch oder ihre Frisur angespielt, man solle eine Politikerin nicht nach ihrem Aussehen beurteilen. Es sei normal, dass man sich während neun Jahren im Amt auch verändere, eine solche Frage hätte man einem Mann nicht gestellt. Das sass. Und wurde vom Publikum mit spontanem Applaus quittiert.

Im weiteren Verlauf des sehr interessanten und anregenden Gesprächs wurden brisante und aktuelle politische Themen angeschnitten. So äusserte sich Calmy-Rey beispielsweise zur Krim-Krise und der Mediationsarbeit der OSZE, einer leider sehr «schwachen Organisation». Die Zurückhaltung von Didier Burkhalter sei absolut verständlich und er sei um seine Aufgabe nicht zu beneiden. Sie unterstrich bei allem aber den wichtigen und nicht zu unterschätzenden Trumpf der Schweiz, als Brückenbauerin zu fungieren. Sie sei unparteiisch und neutral, habe sehr kompetente Diplomaten und werde auf internationaler Ebene anerkannt.

Die Schilderungen über Treffen mit umstrittenen politischen Grössen wie Putin, Ahmadinedschad, Lawrow oder Gaddafi liessen die Anwesenden schaudern und nur leise erahnen, in welchem Spannungsfeld sich die frühere Aussenministerin bewegte. Die fürs Publikum geöffnete Gesprächsrunde drehte sich schliesslich vor allem um die Weltmächte Russland und China und die Rolle Europas in einem drohenden Krieg zwischen Ost und West, wobei Micheline Calmy-Rey den Ball bewusst flach hielt. Ob man Angst vor Putin haben müsse, sei die falsche Frage, es ginge darum, die Lage zu beurteilen, die Machtverschiebungen in der Welt wahrzunehmen und sich gesprächsbereit zu zeigen.

Nach einer kurzen «Signierstunde», reiste Calmy-Rey wieder ab Richtung Genf und hinterliess eine neu gewonnene, beeindruckte Leserschaft.