Amtsgericht Olten-Gösgen
Messerstecher von Wangen wollte seine Ex-Freundin «kaputtmachen»

Der heute 20-Jährige brachte beinahe seine Ex-Freundin um – Die Staatsanwaltschaft fordert 10 Jahre Freiheitsstrafe wegen versuchten Mordes.

Isabel Hempen
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Das psychiatrische Gutachten bestätigte den Eindruck, den der Täter bereits bei der Einvernahme vermittelt hatte: Von einer «erheblichen Störung in der Persönlichkeitsentwicklung» und einem «eingeschränkten kognitiven Leistungsvermögen» war darin die Rede.

Der heute 20-jährige Türke, der am 28. Juli 2013 mit einem Küchenmesser sechsmal auf seine Ex-Freundin einstach, wirkte vor Gericht kindlich, seine Wortwahl ungelenk. Seine damalige Freundin hatte er in Chats mit Kollegen des Öfteren als «Schlampe» und «Fotze» bezeichnet. Er habe «frech» über sie geschrieben, gab er zu. Dass er sie ausserdem «kaputtmachen» wolle, sei nicht wörtlich gemeint gewesen. Ausdrücker dieser Art habe er häufig benutzt.

Reife eines 14-Jährigen

Tatsache ist: Es hat nicht viel gefehlt, und er hätte die damals 16-Jährige tatsächlich «kaputtgemacht». Gemäss Aussage der Psychiaterin entsprach der Entwicklungsstand des Täters zum Zeitpunkt der Tat dem eines 14-Jährigen. So liess er sich massiv von seinen Kollegen unter Druck setzen. Diese forderten ihn fortwährend dazu auf, seiner Freundin gegenüber dominanter aufzutreten.

Mitgebrachtes Küchenmesser

Er sah sich veranlasst, ihr den Umgang mit anderen Männern zu untersagen. Er kontrollierte sie und machte ihr Vorschriften, was ihren Kleidungsstil und ihren Cannabiskonsum anging. Sein Verhalten führte zwischen dem Paar immer wieder zu Streit.
Ab dem 25. Juli, wenige Tage vor der Tat, ignorierte das Opfer seine Nachrichten. Er realisierte wohl, dass die Beziehung zu Ende sei. Am Freitag, den 26. Juli, schreibt er ihr: «Ich schwöre, dafür töte ich dich mit einem Messer.» Zwischen Donnerstag und Sonntag sendet er ihr rund 60 Mitteilungen. Er insistiert, dass er sie noch einmal sehen möchte. Sie willigt ein.

Am Sonntag, den 28. Juli, besucht er sie bei ihr zu Hause in Wangen. Als er auf ihrem Handy ein harmloses Bild entdeckt, das sie mit einem jungen Mann zeigt, schlägt er sie. Darauf fordert sie ihn auf, das Haus zu verlassen.

Er weigert sich. Sie läuft in den Garten, um bei den Nachbarn Schutz zu suchen. Er holt sie ein. Als sie zu schreien beginnt, hält er ihr den Mund zu und sticht mit einem Küchenmesser, das er laut Staatsanwalt von zu Hause mitgebracht hatte, sechsmal auf sie ein.

Teilweise Amnesie

An die weiteren Vorgänge kann sich der Täter laut eigener Aussage nur bruchstückhaft erinnern. Er schleift sie zurück ins Haus. Blutspuren an einer Küchenschublade weisen laut Staatsanwalt darauf hin, dass er sich ein neues Messer besorgen wollte, nachdem die Klinge des ersten abgebrochen war. Der Täter hingegen weiss nichts mehr davon. Während er sich in der Küche aufhält, gelingt es dem Mädchen, zu den Nachbarn zu fliehen.

Anklage auf versuchten Mord

Der Staatsanwalt konnte kein Tatmotiv erkennen und warf dem Täter einen ausgeprägten Vernichtungswillen vor. Er habe seine Ex-Freundin aus Eifersucht, Rache und verletztem Stolz töten wollen. Ihren Tod habe er direkt angestrebt. Der Staatsanwalt plädierte auf versuchten Mord.

Angesichts des jugendlichen Alters und der Tatsache, dass das Opfer keine lebensgefährlichen Wunden erlitt, forderte er eine verminderte Freiheitsstrafe von 10 Jahren und eine Genugtuungszahlung von 35’000 Franken sowie fünf Prozent Zinsen ab dem Tag der Tat.

Urteilseröffnung am 17. Mai

Das psychiatrische Gutachten konnte trotz der defizitären Persönlichkeitsentwicklung des Mannes keine verminderte Schuldfähigkeit geltend machen. Da er sich seiner Umgebung und der Umstände stets bewusst war, sei er als vollumfänglich schuldfähig zu betrachten. Der private Verteidiger versuchte in langatmigen Ausführungen darzulegen, dass der Täter zu keinem Zeitpunkt mit dem Vorsatz der Tötung gehandelt hatte.
Er stellte den Tatbestand der einfachen Körperverletzung fest und plädierte auf ein Strafmass von 21 Monaten. Die Urteilseröffnung findet am Dienstag, den 17. Mai im Amtsgericht Olten-Gösgen statt.

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