Mein Olten
Zwei Welten ergeben ein grösseres Zuhause

Jessica Foschini
Jessica Foschini
Drucken
Italianità hat unserer Autorin über die Feiertage gut getan.

Italianità hat unserer Autorin über die Feiertage gut getan.

Niz / BLZ

Schnell und voller Freude packe ich am Mittwoch vor Weihnachten meine Koffer samt Geschenken. Der Abstrich im Screening-Zentrum ist auch gebucht. Nun fahren wir hin und hoffen, dass die Ergebnisse negativ sind.

Erledigt und alles wie erhofft - wir können abfahren!

Diese Weihnachten verbringen wir in Italien bei meiner Familie. Darauf freue ich mich sehr, denn ich war seit vier Jahren während der Festzeit nicht mehr zuhause. Im Ausland zu leben hat reichlich Vorteile. Aber es bedeutet für mich auch mit Nostalgie umgehen zu lernen.

Ein paar Strategien entwickelt

In der Zwischenzeit habe ich ein paar Strategien entwickelt, wie ich das wiederkehrende Heimweh lindern kann: Überraschenderweise gibt es in Olten so manches, was mich mit meiner Gegend verbindet. Ich kann zum Beispiel zum Caffè Spettacolo gehen und mir ein «Cornetto con la marmellata di albicocche», alias Cornetto Aprikose, holen. Ein Klassiker in der Romagna, den ich liebe. Allerdings wähle ich ein gesünderes Vollkorn-Gipfeli für meinen Sohn. Schlussendlich mag ich die Schweizer Gewohnheit, nicht süss zu frühstücken.

Wenn ich keine Lust oder Zeit habe, um Gnocchi selbst zuzubereiten, tut es gut, einen Teller davon bei der Gusto Bar zu geniessen. Dort finden sich die besten, die ich bisher in der Stadt probiert habe. Ich kann die industriell hergestellten Gnocchi, die mich eher an Radiergummi erinnern, überhaupt nicht leiden. Als ich hier ankam, hat Enzo, ein «Romagnolo», die Nord Süd Bar geführt. Das war ein toller Zufall. Oder ich gehe einfach zu meinen Nachbarn, die aus Rimini kommen und im Italienischen einen für mich vertrauten und sympathischen Dialekt sprechen.

Sieben Stunden bis nach Hause

Es vergehen sieben Stunden, bevor wir an der Tür meiner Eltern klingeln. Ich freue mich, meine Familie zu sehen und ich freue mich auf unsere Traditionen. Der Nikolaus kommt zwar nicht zu uns. Aber am 24. Dezember feiern wir im Kreis der engsten Familie und packen die ersten Geschenke aus. Wer religiös ist, geht in die Kirche. In der Nacht kommt der Weihnachtsmann für die Kleinkinder vorbei und am 25. sind wir zum Mittagessen bei der «Nonna» verabredet.

Das Menü ist eine Garantie für den Gaumen: «Antipasti», «cappelletti in brodo», «arrosto», «verdure alla griglia» und zum Schluss «pandoro farcito alla crema». Davon träumte ich seit Wochen. Danach wird natürlich gequatscht und Karten gespielt. Später gehen wir am Kanal spazieren. Er ist wunderschön beleuchtet und wie immer ist eine zauberhafte Krippe auf einem Boot aufgebaut.

Es ist voll, alle tragen Masken. Trotzdem ist die Atmosphäre magisch. Ich muss ans Adventsdorf in Olten denken - ebenfalls sehr schön gemacht, aber vollkommen anders. Manchmal fühle ich mich wie gespalten zwischen zwei Welten, die miteinander nicht kommunizieren. Mir fallen häufig Unterschiede auf, die die unterschiedlichen Mentalitäten und Kulturen kennzeichnen.

Hier unten die Betonung auf die Krippe, dort oben der riesige Weihnachtsbaum. Hier alles offen mit Maskenpflicht, dort ein Zaun rund um «Candyland» und Kontrolle am Eingang aufs Areal. Hier die Stände mit dreissig Lakritz-Sorten, Gewürzen und verschiedenen regionalen Produkten und dort Raclette, Churros und Bier. Glühwein, alias «vin brulé», erzielt überall und zurecht Konsens. Nur die Menge an Glühwein, die im Adventsdorf fliesst, ist deutlich grösser.

Hier asphaltierter Munzingerplatz , dort mittelalterlicher Dorfplatz

Olten hat etwas mehr Einwohner als mein Dorf in Italien, jedoch hat diese Stadt in Vergleich deutlich mehr zu bieten. Umgekehrt kann der asphaltierte Munzingerplatz mit dem Charme meines mittelalterlichen Dorfplatzes nicht wirklich mithalten. Wenn ich mich hier unten über Ineffizienz beklage, finde ich es dort oben schade, dass lediglich auf Funktionalität Wert gelegt wird, ohne genügend Rücksicht auf die Ästhetik zu nehmen.

Zwei Sachen stelle ich aber fest: Ich habe meine Kindheit und Jugend wie im Urlaub verbringen dürfen und nun wohne ich in einem Traumland. Diese zwei Welten ergänzen und bereichern sich gegenseitig. Und vielleicht sind es doch nicht zwei Welten, sondern nur ein grösseres Zuhause.