Mein Olten
Stadt, Land, Meer

Denise Donatsch
Denise Donatsch
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"Good bye Coq!", sagt die Kolumnistin bedauernd.

"Good bye Coq!", sagt die Kolumnistin bedauernd.

Patrick Lüthy

Kürzlich, im Zug Richtung Solothurn, stach mir die Aufschrift eines T-Shirts ins Auge, auf welchem stand: «Leg dich nie mit einem Dorfkind an – wir kennen Orte, wo dich niemand findet». Der Träger des T-Shirts, ein freundlich aussehender Mann, erschien mir so gar nicht aggressiv – aber wer weiss schon, was hinter der Stirn eines Dorfkindes vorgeht. Schaut man auf die Abstimmungsresultate von vergangenem Sonntag, könnte man gar auf die Idee kommen, die Mehrheit der Landbevölkerung lebe auf einem anderen Planeten als wir Städter.

Etwas schläfrig geworden durch das regelmässige Rumpeln des Wagons sinnierte ich dem T-Shirt-Spruch noch etwas nach und stellte mir vor, wie es wäre, als Stadtkind von einem Dorfkind verschleppt zu werden. Tatsächlich könnte so eine Entführung üble Folgen haben. Bloss, so überlegte ich, müsste das Dorfkind uns «unbeholfene» Stadtkinder tatsächlich an entlegene Orte entführen? Würde es nicht bereits reichen, unsereins irgendwo am Dorfrand auszusetzen, um uns dem ewigen Verschollen-Sein auszuliefern?

Sind wir doch mal ehrlich, so von Städter zu Städter – wer von uns findet schon ohne Busfahrplan wieder nach Hause? Wären wir bei diesem unfreiwilligen Dorfrand-Survivel-Challenge nicht dazu verdammt, auf ganzer Ebene zu versagen, zumal wir die Lebensmittel meist im Laden kaufen und des Jagens nicht mächtig sind? Panisch würden wir bei jedem Schritt durch die einheimische Wildnis in der Manier eines Flacherdlers das Ende der Welt und unser eigenes vermuten. «Ende der Welt» heisst übrigens tatsächlich ein Ort im Kanton Obwalden.

Wegen einer Ansage durch das Zugmikrophon aus meinen Gedanken gerissen und wieder hellwach, schoss mir die Erkenntnis durch den Kopf, dass wir Stadtkinder eigentlich noch viel extremer sind als die Kids vom Dorf. Von wegen «andere Leute irgendwohin verschleppen, wo sie niemals mehr gefunden werden». Kalter Kaffee ist das! Wir «Milch-im-Tetrapack-Kaufenden» und «Müll-auf-dem-Balkon-Trennenden» haben ganz anderes zu bieten! Wir kennen Orte, an denen WOLLEN wir gar nicht mehr gefunden werden! Wie krass ist das denn! Zum Beispiel im Garten des herrlich idyllisch gelegenen Kaffee Grogg im oberen Graben. Dort vermag man an manchen Tagen nicht mehr zu unterscheiden, ob man sich noch in Olten befindet oder irgendwo an einer mediterranen Küste – sogar das Rauschen des Meeres glaubt man hin und wieder zu hören. Sitzt man nun an einem sonnigen Nachmittag gemütlich in besagtem Garten mit einer Tasse Kaffee und guter Lektüre: Will man da ernsthaft von jemandem gefunden und aus dieser herrlichen Stimmung gerissen werden? Ganz sicher nicht! Allesamt können sie mir dann gestohlen bleiben. Zumindest so lange es Kaffee gibt, mein Buch noch ungelesene Seiten hat und es nicht zu regnen beginnt.

Oder in der Buchhandlung Schreiber. Will man sich, während man vergnüglich durch die Neuerscheinungen blättert, allen Ernstes von guten oder schlechten Bekannten anquatschen lassen, um ein bisschen zu «smalltalken»? Ich denke, sie kennen meine Antwort. Aber um ganz sicher zu gehen, sie lautet: Nein!

Ein weiterer dieser Orte, an denen sich während der letzten elf Jahre zig jüngere und ältere Menschen regelmässig trafen um zu feiern, zu diskutieren und um für ein paar Stunden vom Rest der Welt verschont zu bleiben, schliesst Ende Juni seine Türen. Good bye Coq! Und die Moral von der Geschicht’? Ein Stadtkind mit Wurzeln in einem kleinen Engadiner Bergdorf ist so outdoor-untauglich nicht. Aber hat – zumindest in meinem Fall – brutal Probleme, Busfahrpläne zu lesen.