Mein Olten
«Njet, Njet!»

Kirill Bourovoi lebt mit seiner Familie in Olten und ist russisch-sprachig. Seinem Sohn will er seine Muttersprache auf ganz natürliche Art und Weise vermitteln, doch das ist leichter gesagt als getan.

Kirill Bourovoi
Kirill Bourovoi
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Auf Oltens Spielplätzen verbringt unser Kolumnist viel Zeit mit seinem Sohnemann.

Auf Oltens Spielplätzen verbringt unser Kolumnist viel Zeit mit seinem Sohnemann.

Bruno Kissling / Oltner Tagblatt

Was ist eigentlich so faszinierend an Zigarettenstummeln und Gullideckeln? Und wie lange kann man mit dem Laufrad die gleiche Strecke hin und her fahren, ohne dass man gelangweilt oder einfach nur müde wird? Wie viele Male kann man Wasser von einem Eimer in den anderen schütten, die Hälfte dabei auf den eigenen Bauch verschütten, neu auffüllen und wieder von neuem beginnen? Und überhaupt, was zum Geier ist an Sand so toll?

Ich erwarte auf diese Fragen keine Antworten, schon gar nicht vom Junior. Trotzdem stelle ich sie mir manchmal, wenn ich ihn auf seinen Entdeckungstouren durch die Stadt begleite. Dabei verliert er sich komplett im Hier und Jetzt und ich lasse mich häufig anstecken. Es ist das Gegenprogramm zum Arbeitsalltag, wo ich ständig meine Aufgaben priorisiere und versuche, möglichst effizient sowie effektiv zu sein.

Die gemeinsamen Stunden verbringen mein Sohnemann und ich dabei meist vorm Haus, auf Oltens Spielplätzen, im Tierpark und beim Essen zubereiten oder zu uns nehmen. Und dabei habe ich eine heimliche Mission: Ihm meine Muttersprache möglichst natürlich, wie beiläufig, beizubringen.

Anstrengend sind dabei die eigenen Wortfindungsstörungen. Wie sagt man eigentlich noch mal Eiche, oder noch schlimmer - Eicheln? Oder was sollte Papa zu dem sagen, wozu Mama «furgone» sagt? Dann sage ich nur den halben Satz, welcher in einem langgezogenen «Eeeeeh» mündet, starre Löcher in die Luft und erwische mich irgendwann dabei nach meinem Mobil zu tasten.

Und häufig bin ich mit dem Vorschlag von Google doch nicht zufrieden. Meine Eltern haben damals irgendein anderes Wort genutzt. Leider weiss ich beim besten Willen aber nicht mehr, welches das gewesen ist.

Wenn der Kleine mir auf dem gut besuchten Piraten-Spielplatz ein lautes «Njet, Njet!» entlockt, weil er gerade dabei ist, aus der Spielzeugschaufel Pfützenwasser zu trinken, dann weiss jeder sofort, was für eine Sprache das gerade war. Zu sehen bekommen die Spielplatzbesucher dabei kein Augenschmaus: Einen Kerl in Jogginghose mit Babybreiflecken, alte Joggingschuhe und ein verwaschenes T-Shirt vom letzten Jahrtausend.

Vor dem 24. Februar 2022 habe ich mir über mein Auftreten auf dem Spielplatz kaum Gedanken gemacht. Ich war auch recht zuversichtlich, dass die Entscheidung meinem Sohn eine weitere Muttersprache mit in die Wiege zu legen, die einzig richtige ist.

Die Umstände und den Zusatzaufwand nehme ich dafür gerne in Kauf, sagte ich mir. Inzwischen erwische ich mich häufig dabei, darüber nachzusinnen, was er denn mit gerade dieser Sprache in den nächsten Jahren und Jahrzehnten anfangen soll. Zumindest in der Schweiz und Zentraleuropa.

Bei Lichte betrachtet, wird er diese vermutlich am ehesten mit den Grosseltern nutzen; und zwar nur mit denen der einen Seite. Vielleicht wird er sie auch mit den Neuankömmlingen aus der Ukraine einsetzen können. Aber doch nur als Redundanz neben dem Schwyzerdütsch, denn Kinder lernen Sprachen ja bekanntlich schnell.

Letztens erst habe ich gelesen, dass Russisch mit 120 Millionen Muttersprachlern die meistgesprochene Sprache in Europa sei. Noch deutlich vor Deutsch und Französisch. Denn geographisch gesehen geht Europa ja bis zum Uralgebirge.

Seit Anfang des Krieges setze ich mich deutlich mehr mit dem russischen Teil meiner Identität auseinander. Darauf angesprochen werde ich inzwischen seltener. Die meisten warten, dass ich selbst etwas von mir gebe, was den Einstieg ins Thema erleichtern würde.

Meine Muttersprache setze ich erst durch unseren Familienzuwachs täglich ein. Eigentlich war es für mich schon immer eine reine Familiensprache gewesen. Und nun ist die Sprache auch in der Öffentlichkeit etwas mehr in den Fokus gerückt, wenn zum Beispiel von der Stadt oder dem Cultibo ein Übersetzer gesucht wird.

Dann muss der Alltagswortschatz auch mal bis aufs Äusserste ausgereizt werden, auch mal vor Leuten laut gesprochen werden und Worte wie Mentor und Mentee vorher gegoogelt oder zumindest umschrieben werden.

Mein Kleiner und der Versuch, ihm diese Sprache beizubringen, haben mir einen neuen und gar sehr positiven Zugang zur Muttersprache eröffnet. Vielleicht wird mein Sohn ja auch einst froh sein, dass er diese zusätzliche Sprache versteht oder sogar spricht; hoffentlich eines Tages ganz ohne Schamgefühle.