Mein Olten
Mein CoronOlten

Konrad Schibli
Konrad Schibli
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Kinobesucher mit Schutzmasken.

Kinobesucher mit Schutzmasken.

Gaetan Bally / KEYSTONE

Ich möchte ein bisschen etwas aus meiner eigenen Corona-Welt erzählen. Ich bin Kino- und Gastronomieunternehmer in Olten und Umgebung und mit meinen Investments nicht wirklich gut diversifiziert. Die Kultur-, Unterhaltungs- und Gastronomie-Branchen gehören zu den vielen Verlierern dieser Pandemie. Die Immobilien, die wir besitzen, sind zu 70 Prozent mit Mietern bestückt, die halt eben zu diesen Verlierern gehören. Natürlich ist es ein Privileg, dass uns diese Immobilien überhaupt gehören. Auf der anderen Seite wäre es halt eben besser, wenn wir uns in den letzten Jahren noch das eine Bitcoin oder Investment ausserhalb der pandemischen Risikozone angelacht hätten.

Vor Jahren war ich in einem Unternehmer-Workshop in Deutschland und dort kam das Thema auf, was passieren würde, wenn von heute auf morgen mein Umsatz um 100 Prozent wegbrechen würde. Wie wäre meine finanzielle Reichweite? Ich war konsterniert und habe mich gefragt, wie so etwas überhaupt möglich sei. Ich dachte an das grosse Erdbeben in Los Angeles, Stärke 6,7, das ich damals hautnah miterlebt hatte. Aber dagegen sind wir versichert. Auch nach längerem Kopfkratzen bin ich auf nichts gestossen, was meinen Umsatz sofort auf null hätte fallen lassen können. Und dann… Wir wissen ja alle, was dann passiert ist. Im März vor einem Jahr wurde mir schlagartig klar, dass diese Übung doch besser war, als ich damals dachte. Insbesondere vor dem Hintergrund, noch fünf Monate davor einen grossen Betrag in den Umbau eines Kinos in Olten investiert zu haben und an unsere finanziellen Grenzen gegangen zu sein, immer mit der Aussicht: Der neue Bond kommt im April. Dann füllen wir die Säle und das Investment zahlt sich zum ersten Mal richtig aus.

Seither kämpfen wir uns Tag für Tag hindurch und machen gute Erfahrungen mit der unkomplizierten Vergabe der Covid-Kredite und der Kurzarbeitsentschädigungen. Wir machen weniger gute Erfahrungen mit der Vergabe der Härtefall-Entschädigungen, weil die Behörden anscheinend immer wieder irgendwelche neuen Entscheide der Politik umsetzen müssen. Das ist für alle mühsam und verlängert die Prozesse. Es ist ein ständiges Auf und Ab – meine Gefühlslage ist teilweise besonnen, ruhig und zuversichtlich und teilweise wütend, verständnislos oder selten gar hoffnungslos. Das nun seit einem Jahr. Den Virus-Massnahmen gegenüber war ich immer skeptisch eingestellt. Ich denke, die Regierungen hätten es viel einfacher, ihre Restriktionen durchzusetzen, wenn die Sterberate in allen Altersstufen bei +10 Prozent liegen würde. Dann wäre die Motivation sich davor zu schützen ungleich höher als jetzt. Dann müssten die Regierungen gar keine Restriktionen bestimmen. Die Schutzkonzepte würden ausgereift sein und wir wüssten exakt, wo und wie eine Ansteckung passieren würde und wie wir uns davor schützen können. Wir würden eigenverantwortlich zu unserem eigenen Schutz handeln. Sogar die ÖV hätten ein Schutzkonzept, so wie wir privaten Gewerbetreibenden und der Spuk wäre schneller vorbei, weil das Virus dadurch schneller unterbunden würde.

Aber dem ist jetzt nun mal nicht so. Viele von uns bringt diese langwierige Situation an ihre Grenzen und wir lernen mit diesen Grenzen umzugehen. Dabei sehen wir auch, wie andere mit diesen Grenzen umgehen und sich darin verhalten. Wir lernen Familie, Freund!nnen, Mitarbeiter!nnen, Partner!nnen, Kolleg!nnen, Lieferanten!nnen, Ämter, Behörden, Politiker!nnen, Unternehmungen, Banken usw. auf einmal möglicherweise von einer ganz anderen Seite kennen – ob positiv oder negativ –, und das ist gut so. Es ist alles transparenter geworden. Wir erfahren, mit wem wir die Zukunft beschreiten möchten und mit wem nicht oder in einer anderen Form.

Wir hatten Zeit, uns Gedanken zu machen über unsere Zukunft, wie wir diese angehen wollen auf unserem Planeten. Im besten Fall konnten wir unsere Hausaufgaben machen, beruflich und privat. Die Pandemie hat für mich somit einen höheren Sinn gewonnen, wofür ich dankbar bin. Ich sehe zuversichtlich und sehr positiv auf die kommenden Monate. In unserer Branche macht sich gerade Euphorie breit: Die offenen Märkte verzeichnen sensationelle Zahlen, wir stehen am Beginn der Roaring Twenties … Jetzt muss nur noch der Bond kommen. Ich freue mich darauf.