Mein Olten
Kleinstadt-Bullshit-Bingo für’s Städtli

Denise Donatsch
Denise Donatsch
Drucken
Begriffe wie« Value selling» oder «Elevator Pitch» sind auch in Olten angekommen.

Begriffe wie« Value selling» oder «Elevator Pitch» sind auch in Olten angekommen.

Bruno Kissling

Kennen Sie dieses «ich-mache-zwar-noch-immer-den-gleichen-Job-wie-vorher-aber-jetzt-verwende-ich-dafür einen-stumpfsinnig-überflüssigen-Anglizismus»-Phänomen? Und: «Ich-bin-so-stolz-auf-diese-Job-Bezeichnung-dass-ich-wo-immer-möglich-diese-leadergeshippten-Manager-Marzipan-Bezeichnungen-ausspreche-oder-auf-Social-Media-poste?»

Früher habe ich diesen sprachlichen Versuch, eine vielleicht eher etwas alltägliche, gewöhnliche Arbeitstätigkeit durch die Verwendung von englischem Vokabular, genannt «Business-Slang», aufzupeppen, tendenziell in Grossstädten wie Zürich verortet. Allerdings musste ich in den letzten Wochen feststellen: Das Ringen um den geistlosesten, dafür umso wichtiger klingenden Job-Titel ist in Olten angekommen.

Darum: Manege frei für eine Runde «Bullshit-Bingo»! Und nicht zu vergessen und etwas verstörend – auf unheimliche Weise gehört ein seltsam ferngesteuert wirkendes Auftreten (Authentizität adieu, du wirst mir fehlen) auffallend oft zu dieser Business-Slang-Spezies mit dazu. Wo ist bloss der Akku bei diesen Hybriden eingebaut?

Let me tell you

Aber zurück zum Bullshit-Bingo. Was das genau ist? Let me tell you (um in dieser Kolumne auch etwas Englisches beigesteuert zu haben, was nicht zum Wirtschafts-Slang gehört): Mitarbeitende notieren sich vor einer Sitzung – oh, Pardon, natürlich vor einem «Meeting» – alle überflüssigen Floskeln und super coolen Dada-Ausdrücke und immer dann, wenn der oder die Vorgesetzte einen dieser Ausdrücke zum Besten gibt, dann bedeutet das bei drei Treffern in einer Zeile: «Bingo».

Geht man mit diesem Spiel im Geiste durch die Welt – mittlerweile auch durch die Oltner Welt –, dann klingelt der imaginäre Bingo-Jackpot in beachtlicher Häufigkeit.

Lesen Sie noch? Also, sind Sie noch da? Ha! Es scheint, ich hätte Sie innerhalb meines «Elevator Pitch» von mir überzeugen können. Nicht schlecht, oder? Natürlich ist das kein Zufall, selbstverständlich liegt das an dem von mir geplanten «Value Selling» für diese Kolumne.

Auch ein Text hat – mal mehr, mal weniger – einen inhärenten Wert, wobei im Schreibmetier wohl gar nicht ernsthaft über «Growth Hacking» nachgedacht werden kann. Also sofern wir Menschen nicht beschliessen, dass Zeitungen von nun an nur noch von Künstlicher Intelligenz (KI) produziert werden sollen.

Ist’s noch unterscheidbar?

Dann könnten Texte vollautomatisch verfasst werden und einem rasanten Wachstum (von was eigentlich?) stünde nichts mehr im Weg. Experimente, in welchen Romane von Künstlicher Intelligenz verfasst werden, gibt es ja schon und diese Texte sind nur noch marginal von Geschichten unterscheidbar, welche von Menschenhand geschrieben wurden.

Man warte also ab, was die Zukunft so bringt. Sollte ich also wegen der Übernahme journalistischen Wirkens durch Schreibroboter arbeitslos werden, kann ich ja noch immer «COO» werden. (Ich kann mir nicht helfen, aber bei dieser Abkürzung «COO» sehe ich van Gogh mit Brille.)

Als «Chief-Operation-Officer» – also «COO» ausgedeutscht, ähm ausgeenglischt – kann ich ja dann den Haushalt planen und von anderen durchführen lassen. Denn wenn man so heisst, hat man es schon ziemlich zu was gebracht und muss den Abwasch sicher nicht mehr selbst machen. Oder habe ich was missverstanden?

Die seltsam inhaltslosen Fremdwörter habe ich übrigens von der Website «she-works.de». Nur falls Sie gerne einen Blick in die Welt des «Business-Slang» werfen würden. Ach ja – ich würde von jetzt an gerne «News-Paper-Content-Producing-Manager-with-Senior-Artistic-Skills» genannt werden. Man muss schliesslich mit der Zeit gehen.