Mein Olten
«Gestörtes Liebesabenteuer» in der Salmen-Nische

Madeleine Schüpfer
Madeleine Schüpfer
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An dieses Bild Distelis lehnt die Darstellung in der Salmen-Nische an.

An dieses Bild Distelis lehnt die Darstellung in der Salmen-Nische an.

zvg

Manchmal findet man in einer kleineren Stadt Dinge, die in sich einmalig sind. So ergeht es mir mit der Malerei im Restaurant Salmen in Olten.

In einer Mauernische entdeckt man ein Bild, gemalt 2002 in Pigmentfarben auf das Mauerwerk vom Oltner Künstler Enzo Cosentino. Er hat das Bild entdeckt beim Künstler Martin Disteli, der im Kunstmuseum Olten eine wunderschöne, unterhaltsame Ausstellung seiner gesammelten Zeichnungen und Bilder präsentiert .

Martin Disteli war ein Künstler der besonderen Art. Ein Revoluzzer, der sich intensiv für ein liberales Denken einsetzte, und zwar auf allen Ebenen, sei es in der Religion, in der Politik und im gesellschaftlichen Leben seiner Zeit. Seine Zeichnungen und Karikaturen sind schweizerisch von einmaliger Bedeutung.

Enzo Cosentino, der mit Vorliebe Frauen malt, und zwar in einer unglaublichen Vielfalt, hat diesen Ausschnitt ausgewählt, weil ihn der Inhalt faszinierte. Wir sehen einen rötlich gefärbten Hintergrund; in der Mitte einen Tisch, über den sich zwei Figuren neigen, ein Priester in seinem beeindruckenden schwarzen Gewand und eine weibliche Gestalt, füllig geformt im roten Kleid mit grossem Busen. Sie sind bereit für ein kleines Liebesabenteuer. Ihre Münder berühren sich fast zu einem Kuss. Und im Vordergrund erkennt man einen kleinen Hund, den Rücken dem Betrachter zugekehrt, der das ganze Prozedere genau beobachtet. Der Ausschnitt des Bildes stammt aus einer Bilderserie von Disteli «Gestörtes Liebesabenteuer».

Betritt man den Salmen, sticht einem dies Bild ins Auge, weil es in sich voller Widersprüchlichkeit ist und doch eine Wahrheit präsentiert, die berührt. Ob man will oder nicht. Ich setze mich mit Vorliebe in die Nische mit dem Bild im Rücken und denke für mich: Nichts ist so, wie es sein sollte. Alle Dinge im Leben haben ihre bewusste Eigenständigkeit und Unabhängigkeit.

Diese zwei Figuren in ihrem eindeutigem Verlangen signalisieren solche Gefühle – es geschehen Dinge, die eigentlich nicht geschehen dürften, und doch beleben sie auf eine höchst natürliche Art unser Leben. Dieses Bild hat es in sich. Auch wenn man erkennt, dass es um eine verzerrte Darstellung geht, eine Karikatur, ist man gepackt von der Realität, die dieses Bild ausstrahlt. Enzo Cosentino hat es auch farblich wunderschön wiedergegeben, faszinierend , und irgendwie tut es einem gut, wenn die tägliche Realität durch Dinge gestört wird, die man nicht erwartet und die doch höchst real sind.

Disteli hat mit seinen Karikaturen und kritischen Zeichnungen vieles bewegt. Er hat gezeigt, dass es viele Dinge gibt im Alltag, die man verdrängt, die nicht hätten sein dürfen und die doch eine Realität in sich tragen. Dieser Bildausschnitt hat all das in sich, er ist nicht nur urkomisch, witzig, sondern er beinhaltet auch einen feinen Hauch von Tragik, weil der Mensch oft eingebunden ist in Begebenheiten, die nicht immer sein sollten, aber von ihm Besitz ergreifen.

Die Nische im Salmen mit dem Bildausschnitt ist solch eine Geschichte, die fasziniert und bewegt, weil sie so viel Wahres in sich trägt. Darunter oder davor lässt es sich wunderbar sinnieren oder dinieren, denn nichts ist vollkommen. So vieles bleibt im Raum stehen, aber genau diese Dinge machen den Zauber eines Lebens aus.

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