Mein Olten
Ein Spaziergang durch Olten

Jessica Foschini
Jessica Foschini
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Der Blick auf die Brache von Olten SüdWest; dort findet auch Provisorisches seinen Raum.

Der Blick auf die Brache von Olten SüdWest; dort findet auch Provisorisches seinen Raum.



Bruno Kissling / OLT

Es ist Feierabend. Und es ist noch hell und die Zeit genügt für einen gemütlichen einstündigen Spaziergang durch die Stadt. Während ich den Garderobenschrank aufmache und eine passende Daunenjacke suche, nimmt in meinen Gedanken eine Route Gestalt an. An der Industriestrasse kurz nach dem Depotweg gibt es eine Passerelle, die im Abendlicht eine besondere Sicht über den Bahnhof ermöglicht.

Ja, ich weiss es: Der Bahnhof und seine Gleise sind nicht mehr als eine Eisenbahn; doch mit dem richtigen Licht eröffnet sich nach dem Aufstieg ein wunderschöner Ausblick. Die Industrialisierung veränderte damals die Welt und schaffte neue Möglichkeiten. Nun hält die Digitalisierung die Fackel hoch. Ich würde gerne noch weiter in die Zukunft sehen können.

Doch sehe ich vor mir, auf der Louis-Giroud-Strasse, nur zwei imposante grüne Säulen. Ach was? Bin ich in Griechenland? Na ja, der Sälipark, welchen ich hinter mir gelassen habe, sieht nicht wirklich wie ein tausendjähriger Tempel aus. Ist das eine Anspielung darauf, dass Einkaufszentren die modernen Kultstätten sind? «Sterbe der Mensch, es lebe sein Produkt!» Egal, ich bin froh, diese postmoderne Augenweide schnell hinter mir zu lassen und die faszinierende Grundstimmung der Sonneggstrasse mit ihren Altbauten zu geniessen. Ein schönes Haus beklebt mit Spiegelscherben säumt den Weg und sendet eine alte Weisheit.

Zurück an der Aare spaziere ich nun dem Fluss entlang. Vorbei am Chessiloch durch den Holzaufstieg kommt man schnell zum netten Kleinholz-Quartier, «wo’s in Olten am schönsten ist» – wie es auf der Titelseite der Werbebroschüre von der ChlyHolz AG heisst. Tatsächlich wirkt das Kleinholz mit den kleinen Blöcken und dem vielen Grün wie das perfekte Stadtviertel. Die Neubauten sind alle gleich und symmetrisch gebaut, alles ist durchdacht. Gegensätze ziehen sich an – nur einen Schritt weiter komme ich zu Olten SüdWest: Ein perfektes Gebiet für Festivals und Veranstaltungen, die viel Platz in Anspruch nehmen.

Ich mag es, vom Gheidweg den Blick nach unten zu werfen, und fühle die Faszination der Leere. In einer weitgehend unbebauten Fläche findet auch das Provisorische seinen Platz. Muss überall etwas dauerhaft wachsen, das Potenzial komplett ausgeschöpft werden und die Menschheit mit ihren rentablen Projekten gewinnen? Ich ziehe die Schuhe an und den Reissverschluss hoch. Es ist eiskalt und der Wind im Gesicht grüsst mich gnadenlos.

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