Mein Olten
«Die Augen haben Angst, aber die Hände machen einfach»

Kirill Bourovoi
Kirill Bourovoi
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Was verändert sich in einem, wenn man auf einmal nicht mehr zur Miete wohnt? Ja, man traut sich, einen Nagel in die Wand zu hauen und Bilder aufzuhängen. Gesagt, getan! Aber es gibt ja auch grössere Aufgaben. Und wie geht man mit diesen um, wenn man in Sachen Handwerk bisher nicht mehr Erfahrung hatte, als einen Reifen am Fahrrad zu wechseln? Man bestellt einen Profi? Für Bestimmtes – natürlich. Für anderes? Genau, man schaut Youtube, fährt mit einer langen Einkaufsliste nach Oftringen in den Baumarkt, kommt hoch motiviert zuhause wieder an und dann… der verflixte erste Schritt!

Im Russischen gibt es ein Sprichwort, welches ich gefühlt beinahe täglich von meinen Eltern gehört habe: «Глаза боятся, а руки делают.» Übersetzt heisst das etwa: «Die Augen haben Angst, aber die Hände machen einfach.» Das passt als Antwort so ziemlich auf jede Faulenzerei und erinnert mich inzwischen sinngemäss an den bekannten Schuhhersteller-Slogan: «Just do it». Wie dem auch sei – ganz so einfach ist es oft dann doch nicht. Am meisten habe ich tatsächlich mit der Furcht zu kämpfen, dass meine zwei Hände die Baufälligkeit der eigenen vier Wände eher erhöhen als mindern. Und auch dafür haben die Russen ein Sprichwort parat: «Хотел как лучше, а получилось как всегда.» Übersetzt etwa: «Wollte es zum Besseren wenden, aber es ist wie immer geworden.» Alles in allem muss ich also feststellen, dass ich von Hause aus eher ein widersprüchliches Verhältnis zum Selbstanpacken habe.

Gut, wie wäre es dann mit etwas Hilfe, zumindest am Anfang? Glücklicherweise hat der lange Homeoffice-Winter meinen Kumpels so sehr zugesetzt, dass sie sich fast darum reissen, helfen zu dürfen und endlich einmal etwas Physisches zu machen. Und siehe da – es hilft! Der erste Schritt ist gemacht. Mit meiner Zimperlichkeit hätte ich mich niemals getraut, derart auszuholen und auf die Wand einzuschlagen, auch wenn diese ja gerade weg soll. Der Knoten ist geplatzt! Nach der Anwendung brachialer Gewalt ist die Zimperlichkeit wie weggefegt. Ich traue mir nun an so ziemlich alles zu. Jetzt sich nur nicht übernehmen!

Vergangenen Samstag regnete es in Strömen. Die Renovation ist schon einige Monate her und wir kennen inzwischen die Tücken unseres neuen Eigenheims immer besser. Ich tröste mich damit, dass zumindest nicht mein Heimwerken die Ursache dafür ist, dass wir Wasser mit Eimern aus dem Keller schöpfen müssen.

Zum Glück haben wir das merkwürdige Abflussloch im Keller doch nicht gestopft. Einem spontanen Impuls folgend hole ich zum ersten Mal die lange Leiter aus der Laube, fahre sie ganz aus und entferne, durchtrieft vom Regen, das angestaute Laub aus der Dachrinne. Und es funktioniert. Das Wasser läuft nun ab und weniger in den Keller. Es fühlt sich gut an, das eigene Nest zu pflegen. Noch vor nicht allzu langer Zeit hätte ich wohl in einer solchen Situation eher teilnahmslos am Handy gehangen, um meinen Vermieter zu erreichen. «Die Augen haben Angst, aber die Hände machen einfach.» Es stimmt halt doch irgendwie.