Mein Olten
Der Oltner Glacegraben

Lily Diemer
Lily Diemer
Drucken

Susann Basler

Ich mag Olten unheimlich gerne. Früher habe ich es mir nicht eingestanden. Heute verteidige ich meine Heimat mit Herzblut. Zum Beispiel vor meinen Mitstudierenden – und bin entsetzt, wie wenig über die Stadt bekannt ist, welche seit über 20 Jahren mein Lebensmittelpunkt ist.

Mittlerweile fühle ich mich angegriffen, wenn sich jemand von der Uni erkundigt, ob das gut klappe mit dem Pendeln. Und ob ich nicht etwas länger als eine Stunde für die Strecke Olten-Bern benötige. «Hallo?!», denke ich mir dann, «Olten, der Eisenbahnknotenpunkt?»

Weiter bin ich erstaunt, wenn sich jemand aus der Region Zürich eine Meinung über meinen Dialekt bildet. «Du bisch aber nöd ursprünglich vo Olte, süscht würdsch ja s ‹L› in ‹Olte› nöd so fescht betone, oder?»

Olten, das kleine, harmonische Städtchen an der Aare, eine Kleinstadt, wie sie im Buche steht – wird immer meine Assoziation mit Heimat sein. Doch das idyllische Bild ist nicht immer klar, sondern hin und wieder getrübt von einer nebligen Schicht verschiedener Streitpunkte.

Angefangen bei der grundlegenden Frage, von welcher Stadtseite man sei: «Von der Richtigen» – ha ha. «Wir haben die Altstadt!» – «Aber wir den Bahnhof!» – Trotz solch unsinniger Argumente sind alle felsenfest davon überzeugt, dass sie es sind, die auf der richtigen Stadtseite wohnen. Die Bahnhofsunterführung betitelt die rechte Stadtseite, auf welcher ich wohne, mit «Bildungsstadt» und das fügt sich nahtlos in die absurden Argumentationsketten ein.

Hat man sich bezüglich der Stadtseite geeinigt, dass man sich nicht einigt, gibt es trotzdem genug weitere Streitpunkte. Diskussion Nummer zwei bezieht sich auf den Verkehr.

Während Menschen mit Fahrrad unglücklich über die Kloster(park)platz-Problematik sind, weil man da schon oft halsbrecherischen Manövern ausgeliefert war und nur mit viel Glück von Unfällen verschont blieb, empfinden es die Anderen als ultimativ, mit dem Auto direkt an die Altstadt und ins Getümmel der Parkplatzsuche fahren zu können.

Ist man schliesslich mit Velo, Auto oder zu Fuss auf dem Klosterplatz gelandet, stellt sich die nächste Frage: Innerhalb weniger Meter gibt es hier gleich zwei Möglichkeiten, um an hervorragendes, frisches, lokales Eis zu kommen. Und nicht überraschend gibt es auch hier zwei Lager. Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, aber in meinem Freundeskreis gibt es bestimmte Präferenzen, welche leider nicht deckungsgleich sind.

Also verbringen wir die Frühlingsabende zuerst mit der Diskussion – auch hier mit sehr parteiischen, nicht konstruktiven Argumenten –, wo wir heute Abend eine Kugel kaufen sollen. Statt Röstigraben gibt es in Olten den Aaregraben, Verkehrsgraben und sogar einen Glacegraben. Wenn ich genauer darüber nachdenke, ist es wohl das, was die Stadt ausmacht.

Heimat ist für mich, wenn man sich darüber streitet, welche Stadtseite die bessere sei (und ja, auch ich glaube, dass ich auf der richtigen Seite lebe) oder wo das «L» in «Oute» hingeht. Obwohl Olten meine Geburtsstadt ist, halten mich einige Leute nicht für eine waschechte Oltnerin, solange ich das «L» im Namen der Stadt (und auch in anderen Dialektwörtern) betone. Wo das «L» hingeht, kann mir dann aber doch niemand sagen. Ist einfach so.

Es ergibt für mich keinen Sinn, aber vielleicht hilft mir mein Sprachstudium in den nächsten Semestern, diesem Rätsel auf den Grund zu gehen. Falls Sie die Antwort kennen, können Sie mir gerne erklären, was es mit dem «L» auf sich hat – und ansonsten wird wohl meine Bachelorarbeit in ferner Zukunft daran glauben müssen.