Die Wirtschaft ist technologiegetrieben wie noch nie. Wo man die Nase technologisch vorne hat, geht die Post ab. Das ist aktuell vor allem in den USA und in Asien der Fall. Es sind hauptsächlich fünf amerikanische Technologie-Konzerne, welche derzeit die globale Ökonomie beherrschen: Apple, Google, Microsoft, Facebook und Amazon.

Mit Abstand folgen die asiatischen Tech-Giganten Tencent und Alibaba in China und Samsung in Korea. Europa hat in dieser Liga der Technologie-Konzerne gegenwärtig nichts Vergleichbares anzubieten. Hier lässt man es sich immer noch wohlergehen im Dienstleistungsstaat, in dem Finanz- und Versicherungskonzerne dominieren.

Schweiz und Europa unter Druck

Gehen wir in Europa und in der Schweiz noch mit der Zeit – oder laufen wir Gefahr, den Anschluss zu verlieren? Bis jetzt war Europa immer Spitze, wenn es um Veränderungen ging. Zum Beispiel beim Wandel vom Agrar- zum Industriestaat. Und auch bei der Entwicklung vom Industrie- zum Dienstleistungsstaat. Und jetzt? Haben wir in Europa und in der Schweiz den jetzigen technologiegetriebenen Wandel verpasst?

Wir sprechen von einer industriellen Revolution, der Industrie 4.0. Geräte, Maschinen und Materialien sollen via Internet miteinander kommunizieren und so einen reibungslosen Ablauf ermöglichen. Für diese Entwicklung braucht es hochqualifiziertes technisches Fachpersonal: Ingenieure. Doch an solchen mangelt es.

Nicht zuletzt deshalb, weil hinsichtlich der Löhne bei uns die Post vor allem in der Finanzwelt und auf den Teppichetagen statt in den Forschungslabors abgeht. Hier braucht es ein Umdenken: Ein Land wird nicht durch Dienstleister und Finanzakrobaten stark, sondern durch Ingenieure, die es verstehen, die Probleme der Zukunft zu meistern. Die Finanzwelt hat sich in deren Dienst zu stellen – und kann später davon profitieren.

Auch Solothurner Regierung besorgt

Ein wichtiger Faktor für den Wandel ist auch die Ausbildung. Diesbezüglich stehen wir in der Schweiz gut da. Mit dem dualen Bildungssystem ebenso wie mit der Rollenaufteilung zwischen Universitäten und Fachhochschulen: An den Universitäten wird gelehrt und geforscht – an den Fachhochschulen entwickelt und gebaut. Beides ist gleich wichtig, um mit Forschung und Entwicklung vorwärts zu kommen.

Deshalb müssen Universitäten und Fachhochschulen ihrer Rolle treu bleiben. Diesbezüglich wird immer wieder Kritik laut, dass sich die Fachhochschulen den Universitäten annäherten. Auch die Solothurner Regierung stellte bereits vor gut drei Jahren fest, sie «beobachte mit Sorge», dass sich die Fachhochschulen «zunehmend an den Universitäten ausrichten».

Und beunruhigte Unternehmer haben letztes Jahr mit einem Aufruf (pro-ing.ch) ihre Besorgnis über die «Akademisierung der Fachhochschul-Ausbildung» ausgedrückt und betont, eine starke, praxisgerichtete Fachhochschulausbildung sei «ein zentraler und unverzichtbarer Erfolgsfaktor für den Industriestandort Schweiz».

Deshalb sollen Fachhochschulen anwendungsbezogene Studiengänge anbieten. Bei ihren Projekten ist die praktische Anwendung in den Vordergrund zu stellen, zum Beispiel im Rahmen von Kooperationen mit kleineren oder grösseren Unternehmen.

Dozierende ohne Praxiserfahrung

Die Befürchtungen, dass die Fachhochschulen den Kontakt zur Praxis verloren gehe, werden auch dadurch genährt, dass zunehmend Dozierende ohne Praxiserfahrung beschäftigt werden, was unter anderen die Denkfabrik Avenir Suisse feststellt: «Die Fachhochschulen rekrutieren ihre Professorenschaft immer mehr aus Universitätsabsolventen.»

Früher hätten die meisten Dozierenden weder über eine Promotion noch eine Habilitation verfügt, hingegen über gross Praxiserfahrung. Das Problem ist erkannt. Der Verband der Schweizer Fachhochschul-Dozierenden strebt deshalb eine eigenständige Ausbildung für Dozierende an. Masterstudierende sollen für ihre Lehrtätigkeit an einer Fachhochschule ausgebildet werden.

Doktoranden an Fachhochschulen

Sei es wie es wolle: Derzeit dürfte der Einfluss der Universitätsabsolventen im Lehrkörper mitverantwortlich sein, dass die Fachhochschulen über die ihnen zugedachten Bachelor- und Masterstudiengänge hinaus auch nach der Doktorstufe, die den Universitäten vorbehalten ist, greifen.

Die Fachhochschulen treffen Kooperationen mit in- und ausländischen Universitäten, um auf diesem Umweg den «Dr.» anbieten zu können. Deshalb gibt es an Fachhochschulen Doktoranden, obschon diese keine Doktorate vergeben können.

Eine «prallvolle Blase»

Nicht nur die Akademisierung der Fachhochschulen weckt Kritik. Erfahrene Praktiker wie Franz Baumberger monieren auch eine Bürokratisierung der Fachhochschulen. Der ehemalige langjährige Präsident der Fachhochschuldozierenden der Schweiz, in dessen Vorstand er weiterhin angehört, ortet eine Aufblähung der Administration an den Schweizer Fachhochschulen.

«Die Blase ist prallvoll und wartet auf die Stecknadel, die sie zum Platzen bringt», lässt sich Baumberger, der auch 12 Jahre der Eidgenössischen Fachhochschulkommission angehörte und den Forschungsbereich Technik der Berner Fachhochschule leitete, vor kurzem in der NZZ zitieren.

Diese untermauert Baumbergers Aussage mit Zahlen: Etwa jeder dritte der rund 2,7 Milliarden Franken, mit denen die sieben öffentlich-rechtlichen Fachhochschulen mit ihren 80 Standorten gemäss Bundesamt für Statistik zu Buche schlagen, verschlingt die Administration. Da muss man sich nicht wundern, wenn von einem Wasserkopf gesprochen wird.

Wider bürokratische Wasserköpfe

Zurück zum Anfang dieses Beitrages. Das hiesige (Fach-)Hochschulwesen ist so zu trimmen, dass die Schweiz in der technologiegetriebenen Welt den Anschluss nicht verliert. Dazu braucht es innovative, kluge Köpfe, in der Forschung ebenso wie in der Entwicklung und Anwendung. Akademisch ausgerichtete Universitäten sind deshalb gleichermassen gefordert wie praxisbezogene Fachhochschulen.

Die Wissenschaft genauso wie die Wirtschaft. Was es nicht braucht, sind bürokratische Wasserköpfe. Dieses Geld steckt man bei den Fachhochschulen besser in den Unterricht und in den Praxisbezug. Dafür haben die Fachhochschulräte zu sorgen. Ist das nicht der Fall, müssen die Standortkantone, zu denen auch Solothurn gehört, Druck machen.

beat.nuetzi@schweizamwochenende.ch