«Wir dürfen wirklich nicht zu spät kommen», sage ich zu meiner Begleitung. Wenn es in Olten nämlich eine kulturelle Veranstaltung von nationaler Bedeutung gebe, so doziere ich, dann seien das die Kabarett-Tage. Das Who’s Who Oltens sei dort, Leute, die Kultur machten und Leute mit dem Geld, diese machen zu lassen. Und Politiker jeglicher Couleur.

Immerhin zum Lachen fänden in Olten noch alle zusammen, sage ich. Wir hetzen zum Stadttheater, geben Jacken und den nach Mozzarella und Basilikum duftenden Plastiksack an der Garderobe ab und eilen zur Kasse, wo uns beschieden wird: «Nur ruhig! Wir haben zirka zehn Minuten Verzögerung.» Ich atme durch. Auch arrivierte, traditionsreiche Veranstaltung können ins Schleudern geraten.

Stetes Tropfen

Zum Beispiel, wenn am Mittwochabend ein Elefant im Oltner Stadttheater steht. Nicht ein Wortwörtlicher natürlich, auch keiner in Gurkenform, sondern ein Tropfen. Ein stetes Tropfen von der Bühnendecke, stilvoll aufgefangen von einer silbernen Schale, in welcher sonst der Champagner auf Eis präsentiert wird. Unermüdlich tropfte es, von kurz nach acht, als die Gäste ihre Plätze einnahmen, bis Viertel nach elf, als sich dieselben Gäste wieder von ihren Sitzen erhoben. Ein Telefonat am Donnerstag ergab: Es tropfte noch immer, doch die Handwerker seien vor Ort.

Nun gut: Eigentlich ging es am Mittwochabend um etwas anderes. Es ging um die Eröffnung der 32. Oltner Kabarett-Tage, um die Verleihung des. Schweizer Kabarett-Preises, um dessen Empfänger Max Uthoff und sein viertes Soloprogramm «Moskauer Hunde». Doch gerade für Satire und Kabarett bot so ein Tropfen natürlich eine Steilvorlage. Ob als Sinnbild für den desolaten Zustand des Stadttheaters (Kabarett-Tage-Präsident Alex Summermatter), dessen Bühnenhaus längst saniert werden sollte, als Symbol für den budgetlosen Zustand der Stadt (Kuratoriumspräsident Christoph Rölli), als avantgardistische Kunst-Installation oder Mahnmal für die schmelzenden Gletscher (Moderator Matthias Brodowy): Keiner der Redner liess sich eine passende Pointe nehmen. Doch auch der wahre Grund liess das Publikum lachen: Die für den Brandfall installierte Wasserwand hatte sich verselbstständigt.

Kabarett, das wehtut

«Was wollen Sie eigentlich von mir?», fragte Max Uthoff von der noch dunklen Bühne ins Publikum. «Unterhalten werden», dachte der eine, «zum Lachen gebracht werden» die andere. Und beides, Unterhaltung wie Lacher, lieferte Uthoff in den folgenden rund zwei Stunden in rauen Mengen. Doch eben nicht nur. Wer den deutschen Kabarettisten kennt, ob von Theaterbühnen oder seiner seit 2014 im ZDF ausgestrahlten Sendung «Die Anstalt», weiss: Uthoff ist kein Witzeklopfer, kein anbiedernder Kalauer-Schmeisser. Im Gegenteil: Er ist wütend, empört sich, klagt an, messerscharf, ohne Erbarmen, ohne Rücksicht auf Verluste.

Nix mit Schongang

Desinteressierte AfD-Wähler, lethargische SPDler, egoistische FDPler und selbstgefällige Grüne – schon in den ersten Minuten seines Programms macht Uthoff deutlich, dass heute niemand eine Schonbehandlung erwarten kann. «Mit Ihrem Eintritt haben Sie mir die Erlaubnis gegeben, Sie mental Gassi zu führen», wird er später sagen und damit klarstellen, wer an diesem Abend das Sagen hat. Was in der Beziehung Mensch-Hund übrigens ja nie ganz klar sei.

«Moskauer Hunde» lautet der Titel des Programms, doch Uthoff ist alles andere als ein Hündeler. Vielmehr sieht er in unserem Umgang mit unseren Haustieren ein Sinnbild dafür, was alles schief läuft auf der Welt. Betrachte man die horrenden Summen, die Hundebesitzer für ihre Vierbeiner in der westlichen Welt ausgeben würden, als Einkommen, dann hätte das «Dogland» ein höheres Bruttosozialprodukt als viele real existierende Länder auf dieser Welt. Von den unzähligen Sorten Katzenfutter in den Regalen unserer Supermärkte, während anderswo Menschen verhungerten, ganz zu schweigen. Während zweier Stunden arbeitet sich Uthoff mit anhaltendem Furor und in rasantem Tempo durch die grossen Themen unserer Zeit – und macht dabei klar, wer schuld an alledem ist: wir alle und niemand sonst.

Natürlich ist das moralisch, und natürlich ist das anklagend. Doch wenn das Publikum trotzdem lacht, und zwar so, dass die ineinandergesteckten Stuhlreihen wackeln, gerade dann ist das eben auch verdammt gutes Kabarett. Eben kein Wohlfühl-Kabarett, sondern Kabarett mit Auftrag.

Mit Max Uthoff zeichneten die Oltner Kabarett-Tage am Mittwoch einen politischen Kabarettisten aus, der nicht nur sein Handwerk zu machen versteht und auch weiss mit welchem Ziel. Ob er dem Oltner Publikum damit nicht nur den Spiegel vorhalten, sondern es auch zum Umdenken bewegen konnte? Wir werden es sehen. Oder um den beinahe zu offensichtlichen Spruch zu den technischen Schwierigkeiten gestern doch noch zu bringen: Steter Tropfen höhlt den Stein.