Olten
Maturandin wollte dem Stadtfuchs begegnen – und fand den Stadtdachs

«stadtdachs stattfuchs» nannte Karla Kissling ihre inzwischen prämierte Maturaarbeit. Dabei hat sich in den Titel keineswegs ein Schreibfehler eingeschlichen. Wollte sie eigentlich Füchse in der Stadt Olten untersuchen, musste sie bald einmal feststellen, dass ihr stattdessen nur Dachse in die Fotofalle tappten.

Isabel Hempen
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Gestatten: Herr Stadtdachs tappt in die Fotofalle.

Gestatten: Herr Stadtdachs tappt in die Fotofalle.

zvg

Dass die Arbeit in Richtung Biologie gehen sollte, wusste Karla Kissling (Klasse 4aL) von Anfang an. In lebhafter Erinnerung waren ihr die Ausflüge auf den Hochsitz mit dem Grossvater, einem passionierten Jäger. Warum also nicht ein einheimisches Wildtier erforschen? Sie stiess auf eine Zürcher Studie über Stadtfüchse. Und überlegte sich, ob das Phänomen auch in Olten zu beobachten sei.

Fünf Baue im Stadtpark

Während rund drei Monaten überwachte die 18-Jährige mit drei Infrarotkameras fünf Baue im Stadtpark, an der Solothurnerstrasse und in privaten Gärten. Behilflich war ihr dabei der Wildhüter Martin Roth, der sie auf bewohnte Baue aufmerksam machte. 25 von 90 brauchbaren Fotos zeigten Füchse. Einen Stadtfuchs, den Kissling als Fuchs mit Bau in der Stadt definiert, fand sie dabei jedoch nicht. Die übrigen 65 Fotografien bildeten Dachse ab. Legte sie diese anfangs mit den Katzenaufnahmen zur Seite – «Mist, schon wieder nur ein Dachs» – wurde ihr nach kurzer Zeit und mehreren Dachsbildern klar, dass sie statt der Füchse den Dachs ins Zentrum ihrer Arbeit stellen musste.

Anhand der Infrarotaufnahmen konnte Karla Kissling ein eindeutiges Bewegungsmuster der Stadtdachse erkennen: Zwischen sieben und zehn Uhr abends verlassen sie den Bau, um etwa sechs Uhr morgens kehren sie dahin zurück. Die Dachse ernähren sich in der Stadt von Fallobst, durchwühlen Gärten oder machen sich hinter ungeschützte Kompostkübeli auf der Suche nach Fressbarem.

Wenig Bewusstsein bei Städtern

«Viele Stadtbewohner sind sich gar nicht bewusst, wie viele Tier nachts in der Stadt unterwegs sind», sagt Kissling. Sie betont, dass es sich bei den Stadttieren nach wie vor um Wildtiere handelt. Man sollte diese also weder füttern noch zähmen, da sie sich sonst zu einem Problem entwickeln könnten, das man nicht mehr loswird.

Etwas traurig war sie, als sie feststellen musste, dass an einem «ihrer» Baue an einem Hang eine Falle aufgestellt worden war. Der Besitzer des Grundstücks hatte den Wildhüter gerufen, weil er befürchtete, der Hang könne aufgrund der Untertunnelung abrutschen. Sie habe zu den Tieren eine emotionale Beziehung aufgebaut, sagt Kissling. Schliesslich haben diese ihre Untersuchung geleitet.

Arbeit ausgezeichnet

«Viele Stadtbewohner sind sich gar nicht bewusst, wie viele Tier nachts in der Stadt unterwegs sind.» Karla Kissling Maturantin

«Viele Stadtbewohner sind sich gar nicht bewusst, wie viele Tier nachts in der Stadt unterwegs sind.» Karla Kissling Maturantin

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Kisslings Maturaarbeit wurde von der Fachjury der Museumsgesellschaft Olten gemeinsam mit dem Verein der Ehemaligen der Kantonsschule Olten prämiert. Gelobt worden sei der regionale Bezug der Arbeit, deren lebendige Sprache und die Begeisterung für das Thema, die aus der Arbeit spreche. Sie selbst, so meint Karla Kissling, habe nicht mit der Auszeichnung gerechnet.

Erste Wahl: Medizin

In wenigen Tagen schreibt Karla Kissling ihre Maturaprüfungen. Danach, sagt sie, wolle sie ein halbes Jahr arbeiten und dann in Costa Rica vier Monate lang Freiwilligenarbeit leisten.
Nächsten Sommer macht sie dann den Numerus clausus. Sie möchte Medizin studieren. Für den Fall, dass sie ihn nicht bestehen sollte, hat sie schon einen Plan B, der eigentlich fast auf der Hand liegt: Biologie studieren.

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