Ausmalbücher

Malen zum Runterkommen – kreativ hin oder her

Eine kleine Auswahl aus dem riesigen Sortiment der Malvorlagen für Erwachsene – die beinahe zu jedem Thema erhältlich sind.

Eine kleine Auswahl aus dem riesigen Sortiment der Malvorlagen für Erwachsene – die beinahe zu jedem Thema erhältlich sind.

Ausmalbücher für Erwachsene sind im Trend. Auch in der Region.

«He, hallo?» sei seine erste ungläubige Reaktion gewesen, sagt Urs Bütler. Der Inhaber der Buchhandlung Schreiber in Olten bekam aus nächster Nähe mit, wie 2013 eines der ersten und mittlerweile das bekannteste Ausmalbuch für Erwachsene den Weg in die Läden fand: «Secret Garden» der Schottin Johanna Basford. Und wie kurz darauf die Verlage weltweit auf den Zug aufsprangen, auch hierzulande.

Denn offenbar hatte die Zeichnerin mit ihren verschnörkelten Malvorlagen einen Nerv getroffen – das Buch stand wochenlang in den Amazon-Bestsellerlisten. Sucht man heute auf Amazon nach «Colouring books for adults», zeigt der Online-Händler rund 15 000 Treffer an.

Zur Ruhe kommen

«Den Trend erkannten wir vor etwa zweieinhalb Jahren», erzählt Bütler. Und ja, zuerst habe man im Team darüber gelacht. Die auf Erwachsene abzielenden Ausmalbücher hätten im ersten Augenblick merkwürdig gewirkt. «Das letzte Mal habe ich im Kindergarten gemalt», wurde gescherzt. «Aber wenn man die gesellschaftlichen Tendenzen beobacht, sind diese Bücher ein grosses Thema,weil viele Leute nicht mehr zur Ruhe kommen», meint Bütler. Und es seien eben «nicht nur der ausgebrannte Manager oder der hyperventilierende Jugendliche», die sich die Malvorlagen ins Haus holten.

In der Region Olten würden diese «querbeet durch alle Schichten» gekauft, am wenigsten allerdings von Männern. Oftmals besorgten Frauen sie als Geschenk, etwa für Jugendliche «zum Runterkommen», so Bütlers Eindruck. Bei der Buchhandlung Schreiber verlaufe der Run auf die Ausmalbücher für Erwachsene jeweils in Wellen. Null bis zehn davon gingen jede Woche über den Ladentisch, verrät Bütler. Seiner Ansicht nach sehr viel.

Bütler führt den Trend auf die «extreme Zerstreutheit» zurück, die heute herrsche. Im Malen sieht er einen eigentlich unproduktiven Vorgang, der reiner Selbstzweck sei und so Ruhe bringe. Elvira Grignoli-Kraft, diplomierte Mal- und Kunsttherapeutin mit Atelier in Lostorf, sieht es ähnlich: «Ich kann mir gut vorstellen, dass das eine geeignete Methode ist, um den Kopf zu leeren.» Als Alternative etwa zum Fernsehen findet sie das Ausmalen «super».

Ist das kreativ?

Bestätigen kann dies etwa die 88-jährige Ruth Berchtold, die drei Nachmittage in der Woche wegen Nierenproblemen auf der Dialyse-Abteilung im Kantonsspital in Olten verbringt. «Das Malen verkürzt mir enorm die Zeit», sagt sie, die seit vier Jahren etwa anderthalb Stunden am Stück Mandalas ausmalt. Sie sei ganz im Bild, wenn sie male, «das finde ich sehr schön.»

Maltherapeutin Grignoli-Kraft kann dem Ausmaltrend durchaus positive Seiten abgewinnen: «Man muss Entscheidungen treffen und ist in der Farbwahl trotzdem kreativ.» Sie hat aber auch Vorbehalte: Die Maltherapie verfolge das Ziel, das kreative Potenzial im Menschen zu entdecken und zu entwickeln. Wo jedoch schon alles vorgegeben sei, verlaufe eine Entwicklung in eng vorbestimmten Bahnen. Sie wolle keine Polemik betreiben, merkt aber an: «Die Gesellschaft möchte lieber nichts selbst probieren.»

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