Flurnamenforscher
(Löwen-)Jäger und (Rotz-)Sammler

Wer war der Schnuderbub, der der Rötzmatt in Olten zu ihrem wenig glanzvollen Namen verholfen hat? Aufschluss liefern Belegstellen aus sechs Jahrhunderten, wie sie die Forschungsstelle Solothurnisches Orts- und Flurnamenbuch zusammengetragen hat.

Jacqueline Reber
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Was heute aus der Rötzmatt (beidseits der Gäubahnlinie) geworden ist, hätte sich der ursprüngliche Besitzer Otzo wohl kaum träumen lassen.

Was heute aus der Rötzmatt (beidseits der Gäubahnlinie) geworden ist, hätte sich der ursprüngliche Besitzer Otzo wohl kaum träumen lassen.

Bruno Kissling

Die Jagd nach dem ersten historischen Beleg eines Flurnamens ist eine der Haupttätigkeiten im Beruf eines Flurnamenforschers. Zentral ist weiter auch das Sammeln möglichst vieler schriftlicher Belege in historischen Dokumenten, damit das Bestehen sowie die sprachliche Entwicklung eines Namens verfolgt werden können. Solche historischen Dokumente können beispielsweise Urkunden, Grundbücher, Verzeichnisse über Besitzrechte (Urbar, Zinsrodel, Berain usw.), Karten oder Pläne sein. Die meiste Zeit verbringen wir Namenforscher in Archiven und vertiefen uns in diese historischen Dokumente, immer auf der Suche nach der ersten Verzeichnung eines Flurnamens. Weshalb diese «Jagd» auf den Erstbeleg und eine möglichst lückenlose Sammlung weiterer Belege so wichtig ist, werden Sie in der heutigen Kolumne anhand einiger Beispiele erfahren.

So ist beispielsweise der historische Flurname Löwendich in Olten im Hammer erstmals 1490 im Oltner Jahrzeitenbuch belegt. Ein Dich bezeichnet einen Erddamm mit einer Einsenkung im Gelände, in der sich leicht Wasser sammelt. Es handelt sich dabei meist um einen künstlichen Wasserlauf oder Gewerbekanal. Doch was hat nun der Löwe damit zu tun? Die Belege aus dem Rodel St. Martin vom Jahr 1507 offenbaren uns, dass dieser Flurname ursprünglich Blöuwendich hiess. Eine Bleuji ist eine Stampfmühle oder Hanfreibe, eine Vorrichtung zum Brechen von Hanf und Flachs. Solche Bleuen gehörten in der Regel zu Mühlen und befanden sich auch in deren Nähe. Das Anfangs-B fiel aus unbekannten Gründen weg, wodurch der Name Löwendich entstanden ist. Es handelt sich dabei demnach um die Bezeichnung einer Ansammlung von Wasser in der Nähe einer Mühle.

Ein R auf Wanderschaft ...

Ein weiteres Beispiel ist die in Olten bekannte Rötzmatt. Der älteste Beleg, ebenfalls aus dem Oltner Jahrzeitenbuch von 1490, spricht von «Oetzenmatt», weitere historische Belege von «an der Ötzmatt» oder «von der Ötzmatt» usw. Der Name Rötzmatt entstand durch eine sogenannte Agglutination, was sprachwissenschaftlich bedeutet, dass sich der vorangegangene Buchstabe R an das nächste Wort, hier an Ötzmatt, anheftet. So wurde aus «an deR Ötzmatt» der heutige Flurname Rötzmatt. Otzo oder Ozzo ist ein historischer Personenname, die Rötzmatt demnach ursprünglich eine Wiese im Besitz einer Person dieses Namens. Zudem sind in Olten auch die Flurnamen Ötzental und Ötzgraben historisch belegt, die sich wohl im selben Gebiet befunden haben dürften. Somit hat der ursprüngliche Name dieses Gebiets nichts Unanständiges oder Ekliges an sich. Der Name Rötzmatt kann auch nicht mit «Schnudermatt» übersetzt werden, denn er geht gar nicht auf das hochdeutsche Wort Rotz oder rotzen zurück, wie es auf den ersten Blick geschienen hatte.

Nichts mit dem Zahlwort Zwei zu tun hat schliesslich das dritte Beispiel, die Zweieren in Lostorf. Aus den ältesten Belegen ergibt sich vielmehr, dass es sich hierbei ebenfalls um eine agglutinierte Form handelt, denn der Erstbeleg im Urbar der Herrschaft Gösgen von 1528 heisst «zun wigren». Demzufolge hat sich in diesem Fall das Z an das nachfolgende Wort Wiger angeschlossen. Wiger ist althochdeutsch und entspricht dem schweizerdeutschen Weier. Zweieren bedeutet demnach «zu den Weihern», meint also eine Flur, die bei Weihern liegt.

Wären wir nicht in alten Dokumenten auf die genannten Erstbelege gestossen, würden wir uns wohl heute noch über «Löwen», «Rotz» und «Zwei» den Kopf zerbrechen, und der wahre Ursprung der Namen müsste uns verborgen bleiben. Darum lohnen sich für uns Flurnamenforscher die vielen Stunden als Jäger und Sammler zwischen Aktenbergen und Bücherschluchten in den Archiven: Mit etwas Jagdglück bringen wir auch mal einen Löwen zur Strecke, und da und dort befreien wir die alten Namen vom «Rotz» der späteren Zeiten.