Er ist einer von denen, die’s grundsätzlich genau wissen wollen; zu Recht übrigens: Lorenz Keiser, Kabarettist und als solcher Preisträger der Oltner Tanne (1994) und des Cornichons (2001). Nach langer Abwesenheit tritt der 59-Jährige heuer mit seinem aktuellen Programm «Matterhorn-Mojito» an den diesjährigen Kabarett-Tagen auf. Grund genug also, sich mit ihm per Mail auf der Bahnhofterrasse in Olten zum Gespräch zu verabreden.

Stümperhaft zu glauben, jeder Cornichon-Preisträger wisse über die Terrasse an der Aare Bescheid. Keiser wird mit dem Zug anreisen und später nachfragen, wo sich die Terrasse befindet: «Terrasse an der Aare» – ein Restaurant? Oder hat’s da am Bahnhof eine Terrasse? Oder wie oder was? Nur damit sie mich dann auch finden :-))» bemerkt er per Mail. Es gilt, die Lage des Treffpunkts zu präzisieren. Es gelingt – man findet sich.

Später taucht er am Treffpunkt schier unvermittelt auf, schlendert daher, zigaretterauchend und mit Schirm ausgestattet. Wer im Laufe der Jahre das fixe Bild eines Kabarett-Doyens verinnerlicht hat, staunt noch nicht mal über den Schirm. Die Zigarette geht sowieso in Ordnung. «Der Schirm war so eine Art Reflex; der Blick zum Himmel in Zürich verhiess nicht zwingend Gutes», lächelt Keiser, drückt die Zigarette aus und entsorgt den Stummel stilgerecht im Abfalleimer.

Ein paar Stichwörter

Im Bahnhofbuffet findet die Begegnung ihre Fortsetzung. Es braucht nur wenige Anreize, um den Mann zum Reden zu bringen. «Natürlich sind Kabarett-Preise wichtig», sagt er. Obwohl sie heute inflationär vergeben zu werden scheinen? «Auch dann», hält er fest, und gibt zu verstehen, dass vor 20, 30 Jahren gar nicht so viele Akteure auf dem Markt waren, an welche die Preise adäquat hätten vergeben werden können. «Man war froh, überhaupt jemanden dafür gefunden zu haben», reicht Keiser nach.

Dennoch stellt er fest: «Preise sorgen für Image und Bekanntheit und werden zunehmend wertvoller, denn heute sind allein in der deutschsprachigen Schweiz an die 150 Künstlerinnen und Künstler am Kabarett- und Comedymarkt präsent. Das macht einen Preis schon zur echten Auszeichnung.» Jene, die er in Olten vor Jahren verliehen bekam, freuen ihn jedenfalls bis heute. Aber Keiser wäre nicht Keiser, würde er den Sachverhalt nicht subito relativieren: «Sie sind wichtig, aber längst keine Garantie für den Eintritt in den Olymp.»

Was die Oltner Kabarett-Tage für einen bedeuten, der wie Keiser seine Programme mit gnadenloser Akribie schreibt und auf inflationär auftretende Pointen verzichtet? «Ja, wissen Sie, das oftmals gebrauchte Etikett ‹Olten, die Kabarett-Hauptstadt› trifft zumindest während der Kabarett-Tage zu.» Die Atmosphäre sei speziell. Deren Ingredienzien: ein kabarettaffines Publikum, Spielorte mit stilvoller Ausstattung, ein Konzentrat aus Kabarett und Comedy an einem Ort. «Das gibt’s sonst nirgends», resümiert er.

In Olten dabei zu sein sei auch Auszeichnung, ein Zeichen dafür, wahrgenommen zu werden. Löbliche Worte. Ob ihm denn die generelle Unterhaltungswut nicht sauer aufstosse. Keiser verneint: «Wissen Sie: lachen ist eine kommunikative Kraft. Und die wird – etwa durch die sozialen Medien – heute noch potenziert.» Er hält das in einer Nüchternheit fest, dass sein Gegenüber schier im Glauben zurückbleibt, «Matterhorn-Mojito» könnte Keisers letztes Programm sein.

Programme aus den Innern

Denn Keiser, das weiss das affine Publikum, ist kein Kabarett-Automat; schreibt nicht wie ein Besessener eine Vielzahl an Programmen. Neun Produktionen sind seit 1989 zusammengekommen. Beiläufig gesteht Keiser, dass ihn stets die Angst umtreibe, ihm falle nichts mehr ein. Aber: Bislang blieb der Kabarett-GAU aus.

Was er bei aller Routine, wenn man von einer solchen überhaupt sprechen will, allerdings nicht schafft: den Spagat zwischen aktuellem und entstehendem Programm. «Ich kann ein Programm schreiben, daran dramaturgisch arbeiten, es zur Aufführung bringen. Aber ich kann nicht, während ich auftrete, gleichzeitig schon an einem neuen herumwerkeln», bekennt Keiser. Der Mann arbeitet linear. Kein Wunder: Programme schreiben sei der Versuch, die Welt zu erklären. «Und zwar in erster Linie mir selber. Wenn das Publikum dann auch noch dabei sein will – umso besser.»

Hat sich mit Keiser vor Jahren ein an sich eher introvertierter Mensch beruflich aufgemacht, das gedankliche Innere nach aussen zu kehren? Als politischer Kabarettist. Vielleicht. Als ob er die Vermutung untermauern möchte, sagt er: «Ich strecke den Kopf grundsätzlich nicht gerne aus dem Fenster.» An der Verleihung des Prix Walo im Jahr 2003 etwa hat er nicht aktiv teilgenommen. Nicht dass ihm Öffentlichkeit ein Gräuel wäre. Öffentlichkeit ist Teil seiner Tätigkeit. Aber Keiser mag und sucht die Distanz, aus welcher er die Welt der Dinge und Abläufe betrachten kann.

Vielleicht nennt man so etwas «innere Differenzierung». Denn Absolutheit, von der Fanatismus nicht so weit entfernt liegt, schmeckt ihm bitter auf der Zunge, Sekundenwitze ebenso. Keisers Programme seien nicht für Wasserskifahrer, sondern für Tiefseetaucher, geht die Kunde. Das Unverbindliche ohne «gesellschaftliche Relevanz», wie er sagt, sind seine Sache nicht. Effekthascherei am Fliessband, die industriell anmutende Herstellung und Wiedergabe von Pointen im Staccato überlässt er andern.

Erst Denken für den Papierkorb

Macht sich der Familienvater, versehen mit der Eigenetikettierung «gelegentlich faul» auf zu einem neuen Programm, steht eines fest: Ideen und Aufzeichnungen der ersten zehn Tage landen im Papierkorb. «Das ist immer so», räumt er ein. Und was da auch noch ist: «Das Programm ist immer zu lang, versehen mit Durchhängern, die beim Spielen nur einer Drittperson auffallen.»

Deswegen arbeitet Keiser immer mit Regisseuren zusammen, die mit ihm das Programm straffen, konzentrieren, dramatisieren. «Ich schreibe alles von Hand auf Papier. Und während du schreibt, bis du in einer andern Welt. Die Bühne gesellt sich später hinzu», erklärt er. Dann beginnt die harte Bühnenarbeit, das Ringen um Passagen, Übergänge, den Mut zur Lücke, wie Lernwissenschaftler immer fordern.

Sein bislang erfolgreichstes Programm liegt gut 15 Jahre zurück und nannte sich «Schär Holder & Meierhofer – Eine Geisterfahrt auf dem Börsenkarussell». Drei Monate lang gastierte er damit im Theater im Seefeld, zuvor hatte er zwei Monate lang «sein viertes Soloprogramm in der Provinz erprobt», wie die NZZ damals schrieb. Jetzt kommt «Matterhorn-Mojito», um eine gedankliche Brücke zu schlagen, in Olten an. Und Olten ist nicht Provinz; sondern für gut zehn Tage die «Hauptstadt des Kabaretts», wie wir wissen.