Kabarett-Tage
Leuenbergers Turmrede – damit es nicht allzu lustig wird in Olten

Gestern Samstagnachmittag setzte Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger anlässlich der Oltner Kabaretttage auf dem Ildefons-Turm zur Rede an. Dabei bekamen alle ihr Fett weg. Wir drucken seine Rede im Wortlaut ab.

Moritz Leuenberger
Drucken
Teilen
Moritz Leuenberger hielt in Olten die traditionelle Turmrede.

Moritz Leuenberger hielt in Olten die traditionelle Turmrede.

Hansruedi Aeschbacher

Sie haben mitten in den Kabaretttagen einen Politiker zur Turmrede eingeladen. Ich verstehe das: An politischen Seminaren und an Wirtschaftsforen werden oft Kabarettisten eingeladen, damit sie zwischen den ernsten Diskussionen für etwas Auflockerung und Fröhlichkeit sorgen.

Damit es während der Kabaretttage nicht allzu lustig wird und ganz Olten vor Lachen zu platzen droht, soll ein echter Politiker für Beruhigung sorgen, damit die Heiterkeit nicht zu sehr aufkommt, sodass man auch wieder mal einen ernsten und seriösen Beitrag hört.

Dies wird auch in Fernsehsendungen so gehandhabt, mit Erfolg: Wenn es in einem Tennismatch wahnsinnig spannend und dramatisch wird, blenden sie den Sportbundesrat ein, der auf der Tribüne gähnt, und die Zuschauer beruhigen sich. Oder wenn in der Unterhaltungssendung «10 vor 10» Stephan Klapproth vor lauter Humor beinahe überdreht, schalten sie ein Interview aus dem Bundeshaus dazwischen, und es wird ganz ruhig, vor allem bei einem Beitrag aus dem Wirtschaftsministerium. Umgekehrt kam, als die «Arena» so langweilig wurde, Christa Rigozzi, sprach über die 2. Röhre, und die Einschaltquoten stiegen.

Aber bis heute hat nie ein aktiver Bundesrat vom Turm gesprochen. Ich kann mich erinnern, als die Kabaretttage einen Bundesrat in Olten wünschten. Das führte zu langen Diskussionen: Zuerst wurde abgeklärt, ob man von einem Turm herab überhaupt sprechen dürfe oder ob das unter das Minarettverbot falle. Die damalige Aussenministerin sagte, das mache ihr gar nichts aus, und zog freudig schon mal das Kopftuch an, das sie im Iran verwendet hatte. Nachher konnte man sich nicht einigen, wer die Turmrede halten dürfe. Einer argumentierte, er habe Erfahrung mit Kabarett, er habe einen Beitrag über Bündnerfleisch parat. Einer fragte: «Wie hoch ist dieser Turm? Ich komme erst ab hundert Meter Höhe.» Wir vertrösteten ihn auf den neuen Turm in Vals, der sei ohnehin ganz nah bei Ems. Wieder ein anderer meinte, die Turmrede werde vom neuen Turm auf dem Giroud-Olma-Areal gehalten und hoffte wegen des Namens Olma auf ein Schwein als Geschenk. Kaum stellte sich das als Irrtum heraus, wollte er nicht mehr kommen. Da ist es mit den Alt-Bundesräten besser. Die kommen immer. In der Regel werden wir aber von den Aktiven zu Beerdigungen geschickt, und so bin ich dankbar, dass ich für einmal nicht an eine Abdankung muss.

Wir stehen in einem Jubiläumsjahr: 700 Jahre Morgarten, 500 Jahre Marignano, 200 Jahre Wiener Kongress, 600 Jahre Eroberung des Aargaus, 50 Jahre Solothurner Filmtage. Welches ist das Wichtigste? Welches hat die Schweiz geprägt? Darüber balgt sich die politische, literarische, historische und kabarettistische Elite unseres Landes. «Murten, Morgarten, Marignano», eine monströse Mythologie-Mayonnaise über Märchen, Märtyrer, Maskottchen und Murmeltiere mäandert durch das Land. Alle möchten das Meinungsmonopol darüber, welches Jubiläum in dieser modernen Memorialkratie das Wichtigste ist.

Morgarten? Die Schwyzer haben die Habsburger, diese fremden Vögte und Fötzel, verjagt, indem sie ihnen Steine und Baumstämme auf die Köpfe rasseln liessen. Genauso sollten wir es endlich den fremden Richtern besorgen!

Marignano? Da feiern wir, dass Eidgenossen massenweise gemetzelt wurden. Juhui, wir haben verloren! Die feigen Solothurner sind allerdings schon vor der Schlacht in die Schweiz zurückgekehrt, statt sich niedermorden zu lassen. Schade, sonst wären sie heute noch Helden und könnten sagen: Wir haben die Neutralität erfunden.

Die Eroberung des Kantons Aargau? Die Meinungen gehen auseinander: Hätten die Eidgenossen 1415 den Österreichern nicht in einem Blitzkrieg den Aargau abgenommen, wäre Olten jetzt unmittelbarer Nachbar der EU. Das wäre eine schreckliche Bedrohung. Andererseits könnten die Oltner dank des Eurokurses in Aarau günstig einkaufen, und die EU-Bürger von Aarau würden umgekehrt ihre Frankenkonti bei der Alternativen Bank in Olten eröffnen. Dann würden endlich die Schnellzüge zwischen Zürich und Bern im Grenzort Olten zwingend halten müssen, statt wie jetzt, nach dem Streit, ob Halt oder nicht, als Kompromiss einfach ziemlich langsam durchzufahren. (Die EU-Bürger mit ihren Streiks bleiben immer noch eifersüchtig und sagen: Wenn die Züge bei uns wenigstens langsam durchfahren würden. Bei uns stehen sie immer still.)

Der Wiener Kongress? Dort wurde uns die Neutralität verpasst und die Landesgrenzen garantiert. Eigentlich müssten wir das feiern, aber leider war es keine Schlacht, nur ein Kompromiss.

Die Neutralität wurde uns damals verschrieben. Sie hat sich in der Zwischenzeit immer wieder geändert und wurde immer wieder neu umschrieben. Das haben wir gar nicht nur selber getan, sondern wurde immer auch von aussen mitbestimmt. Die damals beschlossenen Landesgrenzen haben auch nicht mehr dieselbe Bedeutung wie damals: Wenn in Deutschland die Energiewende beschlossen wird, sinken die Strompreise, und der Alpiq geht es schlecht. Weil Frau Merkel Sonnen- und Windenergie unterstützt, werden in Olten die Parkplätze teurer und die Öffnungszeiten der Museen kürzer. (Immerhin gehört Aare Energie immer noch zu den Sponsoren der Kabaretttage.) Und wenn Deutschland die Energiewende beschliesst, dann tut das auch die Schweiz, das ist der autonome Nachvollzug. Jetzt wird umgesetzt, auch bei uns: Ich wollte Ihnen hier die Details zur Energiewende mit einer Power-Point-Präsentation zeigen, doch das Amt für Denkmalpflege und Archäologie verbot das.

So muss ich mich auf einige politische Ideen beschränken, die bis jetzt zur Wende vorgebracht wurden: Eine Idee zu Wärmegewinnung aus Erneuerbaren kommt aus dem Kanton Tessin: Der Angehörige der Lega, Massimiliano Robbiani, schlug vor: Eine Freisinnige Parlamentarierin sollte man im Cheminée verbrennen. Eine andere Idee, wie die Räume aus natürlicher Energie geheizt werden können, kommt aus dem Kanton Luzern und wurde bereits verwirklicht: Luzerner Beamte sehen sich während der Arbeit erotische Filme an, erhöhen so die Körpertemperaturen und sparen Heizungskosten.

Die Energiewende in Deutschland, der Frankenkurs, das Schicksal des in der Seele des Volkes verankerten Bankgeheimnisses und die Steuergesetze für Holdings zeigen: Wir sind so wenig wie irgendein anderes Land auf Erden autonom oder autark.

Das ist auch gut so: Die Arbeitsteilung um die ganze Welt herum macht uns wohlhabend. Das müssen wir teilen, zum Beispiel mit Solidaritätsleistungen, mit Steuerabkommen oder mit der Aufnahme von Flüchtlingen. Das tun wir ja auch, wenn auch stets von Protest umflort, der immer unsere Souveränität in Gefahr sieht. Die grossen politischen Fragen sind global und können nur global bewältigt werden, nicht im nationalen Alleingang: Klimawandel, Energiepolitik, Migration, Armut, Datenspionage, der Zusammenprall der Religionen, das sind alles Probleme der Welt. Sie können nicht im Alleingang gelöst werden.

Stattdessen wird heute eine direkte Linie zu den mittelalterlichen Schlachtfeldern vor 700 und 500 Jahren gezogen, um einen Kampf gegen alles Europäische zu legitimieren und eine Hysterie zu schüren, es drohe uns die totale Fremdbestimmung. Wenn wir die Augen vor der gegenseitigen Vernetzung und Abhängigkeit verschliessen, blenden wir uns selber. Sind wir uns aber der weltweiten kulturellen und politischen Abhängigkeiten bewusst und nutzen sie, dann erst wahren wir unseren eigenen Weg selbstständig.

Das machen uns viele Orte in der Schweiz vor. Zum Beispiel Olten. Früher leistete Olten diese Verknüpfung vor allem mit der Verkehrspolitik, insbesondere der Eisenbahn. Der ehemalige Verkehrsknotenpunkt ist nicht mehr das, was er war, aber das heisst nicht, dass Olten an Bedeutung verloren hätte. Ganz im Gegenteil. Es gibt eine Neuausrichtung, eine Neubesinnung. Heute ist Olten ein kultureller Umschlagplatz, ein eigentliches kulturelles Export-Import-Zentrum: Import von Alex Capus aus Frankreich, Export von Franz Hohler nach Zürich, Import von Pedro Lenz aus Langenthal, Export von Mike Müller nach Leutschenbach: Olten ist ein schweizerischer und europäischer Kulturknotenpunkt. Zu dieser kulturellen Ausstrahlung in die ganze Schweiz, bis weit über die Grenzen in die EU hinaus gehören auch die jetzigen Tage.

Natürlich bereitet das auch Sorge. In der Sendung «Glanz & Gloria» hat ein Politiker stirnrunzelnd festgestellt, dass es an den Kabaretttagen verdächtig viele Künstler aus der EU habe, einer davon habe sogar den Cornichon-Preis erhalten. Bald sei eine Kabarettisten-Masseneinwanderung zu befürchten. Die Geschäftsstelle der Kabaretttage ist bereits in einer Bar mit dem ausländischen Namen Galicia installiert. Wenn das so weitergeht, ist bald fertig lustig. Aber so lange die Turmrede noch von einem Einheimischen gehalten wird, ist unsere Unabhängigkeit noch gewahrt. Und so wissen wir: Nicht Murten, nicht Morgarten, nicht Marignano sind zentrale Jubiläen. Das wichtigste Jubiläum für unser Land sind 28 Jahre Oltner Kabaretttage.

Aktuelle Nachrichten