Dass die Kirchen an einem gewöhnlichen Sonntag nicht gerade zum Bersten voll sind, ist bekannt. An Weihnachten zeigt sich ein ganz anderes Bild. Dann müssen die Kirchenbesucher aus Platznot teilweise sogar stehen, Winterjacke an Winterjacke. «Osterhasen» und «Weihnachtsmänner» sollen die Nur-Festtagsbesucher früher unter Pfarrern mit einem Augenzwinkern genannt worden sein.

Warum gibt es aber einen solch krassen Unterschied, und wie gehen Gottesdienstleiter damit um?

Leute beten und merken es nicht

Andreas Brun, Diakon und designierter Leiter des neuen römisch-katholischen Pastoralraums Region Olten, kennt die Situation: An Weihnachten sind definitiv mehr Leute in der Kirche. «Aus Tradition vielleicht», sagt er, «vielleicht auch, weil sich Menschen in dieser Zeit nach der besinnlichen Stimmung in der Kirche sehnen». Es gebe halt einfach Momente, oder sogar Jahreszeiten, in denen Menschen vom Religiösen anders berührt werden. Das gelte auch bei Todesfällen. 

Dass Menschen generell weniger gläubig sind als früher, glaubt Brun nicht. Dafür erweitert er die Definition von beten. «Viele denken, beten sei nur das Vater unser», sagt er. Das stimme eben nicht. «Ein tiefer Seufzer, ein Hadern, ein Dankes- oder Sehnsuchtsmoment ist auch eine Art Gebet.» Deshalb bemühe er sich, die Sichtweise der anderen Menschen wahrzunehmen und in der selben Sprache zurückzuspiegeln.

«Natürlich hätte ich gerne, dass jeden Sonntag eine bunte, durchmischte Gruppe den Gottesdienst besucht und auch eine gute Stimmung herrscht», sagt er. Dafür schätze er die Menschen, die den Gottesdienst mitfeiern. «Die Leute kommen freiwillig, aus einem Grundbedürfnis heraus, in die Kirche.» Dort würden sie dann offenbar auch eine Lösung für ihr Bedürfnis finden. «Und das ist schön», sagt er. «Dabei ist es zweitrangig, ob viele oder wenige Leute da sind.» Von der Anzahl der Gottesdienstbesucher als Massstab für die Qualität des Gottesdienstes habe er sich schon lange verabschiedet.

Die unterschiedliche Besucherzahl ist für Uwe Kaiser, Pfarrer der Evangelische-reformierten Kirchgemeinde Olten, kein Problem an sich: «Die Predigt kann man vor wenigen oder vor vielen Menschen halten.» Die heterogene Zusammensetzung an Festtagen hingegen stellt für ihn eine grosse Herausforderung dar. Darunter seien zudem viele Leute, die selten in der Kirche anzutreffen sind. «Ich muss dann speziell auf die Wortwahl achten und eine Botschaft finden, die alle anspricht, vom Kind bis zum Urgrosi.»

Wenn aber durchs Jahr weniger Leute in den Gottesdienst kommen, bedauere er das schon ein bisschen. Trotzdem bleibt er optimistisch: «Es bringt nichts, frustriert zu sein.» Er freue sich über jeden, der komme. Und egal ob vor 10 oder 100 Leuten, er versuche immer mit gleich viel Liebe dabei zu sein.

Aus Prinzip nicht kommen

Pfarrer Kai Fehringer von der christkatholischen Kirchgemeinde Olten nimmt das übers Jahr unterschiedliche Besucherverhalten gelassen: «Es ist ganz normal, dass die Bedürfnisse übers Jahr nicht immer dieselben sind.» So wie man manchmal lieber auf dem Sofa liegt oder doch lieber etwas draussen unternimmt. Er fühle sich durch die wenigen Besuche übers Jahr nicht persönlich angegriffen. Er nimmt die «Osterhasen» und «Weihnachtsmänner/-frauen» sogar in Schutz: «Ich glaube, die Leute haben ihre Gründe, wenn sie die Messe selten besuchen.»

Dies müsse man akzeptieren. Seiner Meinung nach sind das noch die Nachwehen der Zeiten, als Kinder in die Kirche gedrängt wurden. Als es noch ein Muss war, jeden Sonntag in der Kirche zu sitzen. «Einige von ihnen kommen jetzt aus Prinzip nicht in den Gottesdienst», sagt er.

Gleichzeitig wachsen auch ihre Kinder nicht mehr mit der Tradition auf, regelmässig in die Kirche zu gehen. «Sie haben nie gelernt, wie ein Gottesdienst funktioniert, was zum Kirchenjahr gehört.» Und trotzdem glaubt Fehringer die Lösung für eine höhere Frequenz übers Jahr gefunden zu haben: Sind die Festtags-Gottesdienste so richtig gut, dann würden die «Osterhasen» und «Weihnachtsmänner» und «-frauen» auch übers Jahr öfter vorbeikommen.