In der Regel kennt man als Zuschauer nur das perfekte Bild des Kabarettisten. Wie locker sind die Wort-Künstler aber auch kurz vor ihrem Auftritt drauf? Ein erstes Indiz dafür liefert der Backstage-Zugang. Wird er Aussenstehenden gewährt oder eben nicht? «Ich kann Ihnen nichts garantieren», meinte Christa Hirschi, die künstlerische Leiterin der Kabarett-Tage, als ich mich im Voraus anmeldete.

Einen Versuch ist es aber immer wert. Also stehe ich am Mittwochabend über eine Stunde vor dem Auftritt des «Best of Zytlupe» im Oltner Stadttheater und hoffe auf mein Glück. Diejenigen, die es an diesem Abend beeinflussen, sitzen zu dieser Zeit noch entspannt im Stadttheater-Restaurant und geniessen Salat, Suppe, Poulet und Risotto.

Und dann kommt mein persönlicher Glücksbringer: Satirikerin Gisela Widmer. Weil mir bereits als MAZ-Dozentin bekannt, nimmt sie mich nach ihrer Verdauungszigarette gleich mit in den Saal, wo die meisten noch essen und stellt mich euphorisch vor. Die Künstler schauen kurz auf und nicken, zwar nicht sehr begeistert, aber sie nicken. Das reicht mir, um mich auf den Backstage-Bereich einzustellen.

Non-Stop-Beschäftigung

Erste Etappe: Frauen-Garderobe. Die Schminktische sind schon ein bisschen abgenutzt, wirken vielleicht aber gerade deshalb irgendwie sympathisch und beruhigend. Für das heimelige Gefühl sorgen zudem die vielen Getränke und «Gluscht»-Snacks wie Chips, schön aufgestellt. Gisela Widmer setzt sich in der Garderobe aufs Sofa und zieht gleich ihre Turnschuhe aus. Seit über fünf Stunden sind die Künstler schon im Stadttheater.

Weil der ganze Abend auf Radio DRS live übertragen wird, ist technisch gesehen alles ein bisschen komplizierter und benötigt die entsprechende Vorbereitung. «Am heikelsten ist der Übergang zwischen der Anmoderation im Studio und der Schaltung ins Stadttheater. Der muss auf die Sekunde genau stimmen», sagt Widmer, die nach fünf Jahren ein einmaliges Comeback bei der Satire-Radiosendung gibt. Trotz bequemem Sofa sitzt Widmer keine zehn Sekunden darauf. Sie bleibt stets in Bewegung: Zähneputzen, Umziehen, Schminken, Haare frisieren. Aufgeregt? «Nein, das bringt ja nichts. Ich habe mir das schon lange abgewöhnt», sagt sie und fixiert ihr Make-up mal am Schminktisch, mal vor dem Spiegel über dem Waschbecken. Kontrollierte Eile? Ihr Verhalten ist schwierig zu definieren, denn obwohl sie stets in Bewegung ist, wirkt sie innerlich entspannt.

Ihre Garderobengenossin Stefanie Grob bleibt hingegen am Schminktisch sitzen und lockert ihre Lockenmähne mit den Fingern auf. Vor ihr eine pralle Textmappe. «Das kommt oft vor, dass ich auch kurz vor dem Auftritt noch Textstellen ändere», sagt sie. Das ergebe sich meist durch das Gespräch mit den Kollegen. «Eine halbe Stunde fürs Umziehen? So viel wurde eingeplant, aber was sollen wir in so viel Zeit tun?», lachen die beiden Frauen. Die Antwort ergibt sich schnell: Schwatzen. Über den ersten Auftritt und die Radioarbeit. Gleichzeitig wird der Lippenstift zum x-ten Mal nachgezogen und das letzte Wimperlein getuscht.

Guajak-Gurgelwasser und Nokia-Handy

Einen Stock weiter unten befindet sich die Männergarderobe. Thomas C. Breuer ist dem Fluchen nahe, als der Fotograf und ich an die Türe klopfen. Der Fotograf darf den Raum betreten und fotografieren, ich aber muss draussen warten. Fünf Minuten später wage ich einen zweiten Anlauf. Es klappt. Beim Eintritt kommt mir ein Schwall frischer Deoduft entgegen. Alle sind angezogen und einige davon sogar gesprächig. Franz Hohler zum Beispiel. Sein Horrorszenario bei einem Auftritt? Er träume manchmal, dass er unvorbereitet auf der Bühne stehe, erzählt er ruhig. Heute habe er sich aber gut vorbereitet. Trotzdem ist er wie bei jedem Auftritt ein wenig nervös. «Auch wenn man ablesen darf, muss man immer gekonnt vortragen können.»

Im gleichen Raum zieht sich auf einmal der Vokal-Artist Martin O. ungeniert bis auf die Unterwäsche aus und schlüpft in seinen Anzug. Dann beginnt er über sein Guajak-Gurgelwasser zu schwärmen. «Du hast da im Gesicht noch Zahnpasta», sagt ihm Simon Chen, der sonst nicht viel spricht. Bänz Friedli hingegen quatscht alle an und sorgt mit Sprüchen für Lacher. Nur wenn er sich vor dem Schminktisch abpudert, ist er ruhig und in sich gekehrt. Als die meisten die Garderobe verlassen haben, greift Hohler entspannt noch zum alten Nokia-Handy und verlässt den Raum. Um diese Zeit rufe er abends immer seinen Vater an, sagt er, das sei halt häufig vor einem Auftritt.