Das Starrkircher Duo Comedia Zap eröffnete an diesem Wochenende die Saison im Schwager Theater. Didi Sommer und Cécile Steck boten mit dem Programm «Zuckerwattenbude» einen kunterbunten Abend voller Sprachkunst, rasanter Kostümwechsel, Poesie und Melancholie.

Madame Odette ist seit kurzem Besitzerin einer Zuckerwattenbude, die auf einem verfallenen Rummelplatz steht. Madame will diese Bude eigentlich nur schnellstmöglich verkaufen und kommt an einem verregneten Abend auf dem Platz an. Weil sich die Übergabe verzögert, begegnet sie in der Nacht und am anderen Tag den verschiedenen Bewohnerinnen und Bewohnern des Rummelplatzes.

Sommer und Steck schlüpfen innert Sekunden in diese verschiedenen Personen. Ein anderes Oberteil, ein aufgeklebter Schnauz oder ein Hut und schon ist Sommer der schwedische Betreiber der Geisterbahn, Gustav Gustavson. Und mit einer blonden Perücke verwandelt sich Steck in Natascha, die Assistentin der Wurfbude. Aber nicht nur durch die Kostümwechsel verwandeln sich die beiden, auch durch Sprache und Akzent wissen sie das Publikum zu begeistern.

Odettes charmanter Akzent oder Gustavsons schwedisches Kauderwelsch sorgen dafür, dass die Personen authentisch ankommen. Es ist unglaublich, wie viele Charaktere in dem Stück vorkommen. Rund ein Dutzend Rummelplatzbewohner und -bewohnerinnen sorgen dafür, dass die Geschichte lebendig bleibt. Dazu kommt ein Arbeiter, der eine Baustelle ausstecken soll. Denn dem Rummelplatz droht Ungemach, er soll einem Einkaufszentrum weichen. Auf Odettes Frage, was mit den Menschen passieren wird, meint Arbeiter Fritz «Die müssen weg».

Fremdie statt Selfie

Zu diesen Menschen gehört auch Peng Li, Besitzer des Spiegelkabinetts, der Odette trifft, als diese alte Briefe und Bilder ihrer Tante Luzia betrachtet. Von dieser hat sie die Zuckerwattenbude geerbt. Im Stück wird oft auch leise Gesellschaftskritik geübt. So bezeichnet Peng die Fotos als «Fremdies, nicht Selfies», von anderen gemacht eben. Und der berichtet auch, dass sich früher alle beim Kaffee bei der Bude getroffen haben.

Der Rummelplatz als Mikrokosmos, in dem alle Platz haben. Und die sollen nun weg. Oder wie Fritz es sagt: «Wenn etwas Neues kommt, muss etwas Altes gehen.» Aber es gilt nicht nur den Baulöwen den Kampf anzusagen, auch Odettes und Luzias Vergangenheit werden aufgearbeitet. In einer berührenden und gleichzeitig urkomischen Nummer erfahren Odette und das Publikum, weshalb es zur Entzweiung zwischen Luzia und ihren Eltern gekommen ist.

Mithilfe eines Projektors führen Steck und Sommer ein Schattenspiel auf, das genialer nicht sein könnte. Mit Händen und wenigen Kartonrequisiten zeigen sie Luzias Schicksal auf, die unehelich schwanger wurde, später nach Amerika auswandern wollte und dabei tragisch ums Leben kam. Mithilfe eines Hasen, der die Abfahrt des Schiffes verpasst hat, und nun über das Meer schwimmt, nimmt das Duo der Tragik die Spitze, kehrt es ins Tragikomische. Sommers Hände zaubern dabei Personen und Gestalten hervor, was das Publikum sprachlos lässt.

Es ist unglaublich, mit wie wenig Requisiten das Duo die Geschichte zu gestalten weiss. Diese befinden sich in ein paar Kisten, die voller Technik stecken, so gibt es ein Orakel, ein Spiegelkabinett auf kleinstem Raum oder eben die Zuckerwattenbude. Ob dieser wirklich ein Happy End beschieden ist, bleibt offen.

Zuckerwattenduft

Nach dem lang anhaltenden Applaus bedankt sich Cécile Steck bei Christoph Schwager: «Das war ja fast ein Heimspiel für uns.» Und natürlich gibt es auch Zuckerwatte für alle, die die Künstlerin für das Publikum zubereitet. Auf die Frage, wie sie auf die Idee mit der Zuckerwatte und dem Rummelplatz gekommen seien, meint Steck: «Auf einem Rummelplatz leben viele verschiedene Menschen, unterschiedlichster Herkunft. Das hat uns fasziniert.» Sommer und Steck haben auch den Prater in Wien besucht.

Und warum Zuckerwatte? Nicht alle Besucher und Besucherinnen wagen sich in die Geisterbahn oder schiessen Bälle auf Büchsen. Aber Zuckerwatte haben die meisten probiert oder kennen zumindest deren unverkennbaren Duft. So entstand die Idee rund um Rummel, Liebe und das Verschwinden einer Welt, die nicht in Vergessenheit geraten darf.