Martin Disteli – ja, genau: Ein Oltner Maler und Polit-Karikaturist, geboren 1802, verstorben 42 Jahre später, Namensgeber einer Strasse auf der rechten Aareseite direkt beim Bahnhof. Und auch auf der linken Stadtseite geriet er nicht in Vergessenheit: Im heutigen Kunstmuseum, das damals noch Martin-Disteli-Museum hiess, wurde 1910 dessen Sammlung untergebracht.

Um das junge Kunstmuseum zu unterstützen sowie zur «Hebung des Kunstsinns und des Kunstverständnisses, zur Unterstützung und Ermunterung gesunden künstlerischen Strebens und zur Pflege freundschaftlicher Besprechungen zwischen Künstlern und Kunstfreunden» wurde vor 100 Jahren der Kunstverein Olten gegründet.

Die Statuten mögen antiquiert klingen, sind in der Kernaussage aber unverändert aktuell. Um es zeitgemässer auszudrücken: «Wir bieten eine Plattform für Kunstschaffende mit Bezug zur Region und zum Kanton und unterstützen sie in ihrer Arbeit mit Ausstellungen, die meist auch ein Katalog begleitet», beschreibt es Präsident Roland Winiger, der an der heute stattfindenden 100. Generalversammlung zurücktritt.

Überregionale Sichtweise

Obwohl grosso modo die Grundsätze erhalten blieben, gab es immer wieder Änderungen, die sich etwa in einer Erweiterung des Blickwinkels äusserten: «Mit verschiedenen Ausstellungsprojekten haben wir den Fokus auch bewusst über die Region hinaus geöffnet», sagt die designierte Präsidentin Gabriele Bono. In diesem Zeichen steht zum Beispiel das «Götti-Prinzip», bei dem der vom Verein eingeladene Kunstschaffende die Freiheit hat, einen zweiten Ausstellenden selbst zu wählen. Und auch an der Jahresausstellung haftet ein überregionaler Touch, da aufgrund ihrer Modalitäten eine schweizweite Beteiligung möglich ist.

Nach wie vor ist die Durchführung von Ausstellungen das Kerngebiet des Kunstvereins. Während in der Vergangenheit etwa der städtische Konzertsaal (1914 bis 1931), das Neue Museum (1931 bis 1953), das Verwaltungsgebäude der Aare-Tessin AG (1953 bis 1964) und ab 1966 der 10. Stock des Stadthauses diese beherbergten, muss sich der Verein heute auf die Suche nach Räumlichkeiten begeben: «Früher drehten sich die Fragen um das ‹Was› und ‹Wie› der Ausstellungen, jetzt ist das ‹Wo› dazugekommen», meint Bono mit Verweis auf den wegen der Renovierung des Stadthauses nicht mehr zur Verfügung stehenden 10. Stock.

Der Kunstverein müsse momentan vagabundieren. Mit dem Resultat, dass im Jahr 2013 die City-Passage zum Ausstellungsort mutierte – an innovativen Ideen fehlt es dem Verein also nicht.

Mehr Professionalität gefordert

In den Untergrund geht man jedoch höchstens mit den Exponaten. In politischer Hinsicht dagegen hegt der Verein keine Absichten, von der Bildfläche zu verschwinden: «Wir bringen uns in die kulturpolitische Debatte ein. Dies vor allem im Hinblick auf die Forderung nach einem Kulturleitbild», so Bono und Winiger schiebt nach: «Vor dem Hintergrund der angespannten Finanzlage Oltens und den Schliessungsdrohungen von Museen mussten wir uns engagieren.» Mit der Initiative zur Bewegung «Pro Kultur Olten» und der Lancierung der Petition «Pro Kunstmuseum Olten» wurde genau das getan. Not schweisst zusammen: Bono ist erfreut über die grosse Solidarität und das Gemeinschaftsgefühl, das sich in dieser Zeit entwickelt habe.

Nun ja, das liebe Gemeinschaftsgefühl – ein zweischneidiges Schwert. Schön, wenn es da ist, ein Problem, wenn es nicht mehr so gefragt ist: Mitgliederschwund, die Zivilisationskrankheit eigentlich aller Vereine, macht auch dem Kunstverein zu schaffen. Im 2012 zählte man 629 Mitglieder, ein Jahr später indes noch deren 601. Im Zeitalter der Individualisierung sowie des (glücklicherweise) grossen kulturellen Angebots in Olten mindere sich die Aufmerksamkeit für die einzelnen Einrichtungen, meinen beide. «Man muss dem Publikum schon etwas bieten, damit es kommt», so Winiger.

Auch deshalb sei im Vergleich zur Anfangszeit der Aufwand für Projekte gestiegen, mehr Professionalität und höhere Geldsummen seien vonnöten. «Früher reichte ein Brief mit der Bitte um finanzielle Unterstützung. Heute verlangt der Kanton fast eine halbe Werbebroschüre für das Gesuch.» Auch mit Bürokratie wird man offenbar gegenwärtig konfrontiert.

Sammeltätigkeit war Standbein

Tempi passati allerdings für das von 1999 bis 2008 existierende Künstler-Atelier in Genua, welches sich eine besondere Art der Kunst- und Künstlerförderung auf die Fahne schreiben konnte. Alle Kunstschaffenden, die dort jeweils ein halbes Jahr verbracht haben, überliessen dem Kunstverein je ein Werk, womit dieser seine Sammlung erweitern konnte. Somit konnte die Sammeltätigkeit in gewissem Masse wieder aufgenommen werden, die bis gegen Mitte der 1970er- Jahre zu den wichtigen Vereinsaktivitäten gehörte, aber aufgrund der finanziellen Situation weitgehend aufgegeben werden musste.

Neben dem Genua-Atelier bleiben dem abtretenden Präsidenten Roland Winiger speziell die grossen Retrospektiven von Oltner Künstlern wie Hans Küchler oder Hermann und Pia Schelbert in Erinnerung sowie die Ausstellung «Olten um 1970 – die gloriosen Jahre» im Stadthaus.

Und genau diese Stadt ist das richtige Pflaster für die Arbeit des Vereins. «Kreativität und eine grosse Offenheit sind noch immer Oltner Werte», meint Bono und Winiger ergänzt schmunzelnd: «Eine gewisse Aufmüpfigkeit gehört ebenfalls dazu.» Dass auch der Kunstverein aufmüpfig sein kann, hat er mit der Petition und «Pro Kultur Olten» bewiesen. Generell aber gilt: «Wir sind freundschaftlich und konstruktiv unterwegs.»