«Die Freiheit der Kunst ist gewährleistet», steht im Artikel 21 der Bundesverfassung. Doch die Solothurner Spitäler AG scheinen die Sache etwas anders zu sehen, zumindest bei der Kunstausstellung von Jörg Binz im Kantonsspital Olten. Seit der Vernissage Mitte September hingen dort rund 80 Werke des regional bekannten Oltner Malers. Darunter waren auch Bilder und Zeichnungen von teilweise nackten Frauenkörpern.

Vergangenen Freitag wurden die Bilder nun auf Geheiss des Verwaltungsrats abgehängt, wie der Künstler auf Anfrage bestätigt. Vonseiten des Kantonsspitals habe er bisher keine Begründung erhalten. Zudem sei er auch nicht vorgängig zum Entscheid um seine Meinung angefragt worden. Ein Mitglied der Imagegruppe Kultur, die für die Kunstausstellungen im Kantonsspital Olten zuständig ist, habe ihm am Freitagnachmittag mitgeteilt, dass der Entscheid «unumstösslich» sei und die Ausstellung «unverzüglich» abgeräumt werden müsse. 

Um seinen Unmut über den Entscheid zum Ausdruck zu bringen, liess Binz daraufhin auf einem Ausstellungsplakat den Begriff «Zensur» anbringen und schrieb: «Auf Verlangen des Verwaltungsrats Solothurn wurde die Ausstellung Jörg Binz ohne Begründung frühzeitig abgehängt.» Das von seiner Frau auf Facebook hochgeladene Plakat wurde am Wochenende in den sozialen Medien geteilt und sorgte für böse Kommentare. Die Ausstellung hätte noch bis zum 14. Dezember gedauert. 

Bilder im Spital Olten abgehängt: «Ich habe keine anstössigen Zeichnungen gemacht»

Jörg Binz: «Ich habe keine anstössigen Zeichnungen gemacht»

Der Künstler ist «aus allen Wolken gefallen», wie er am Montag gegenüber Tele M1 sagte. Schützenhilfe erhält er von Pedro Lenz.

So schreibt der bekannte Gäuer Künstler Christoph R. Aerni dazu auf Facebook: «Vermutlich kommen die Kinder im Spital Olten bereits mit dem Rollkragenpullover auf die Welt 🤔. Das Niveau bezüglich Kunst im Spital Olten ist fragwürdig. Hängt doch nur noch Salzteigbilder auf oder noch besser, hört auf mit Kunstausstellungen!!» 

Jörg Binz ist «aus allen Wolken gefallen», als er davon gehört hat, sagt er am Montagmorgen gegenüber dieser Zeitung. In seiner langen Laufbahn ist dies dem heute 75-Jährigen noch nie passiert. Es hätte in der Ausstellung zwar ein Ölbild mit einem nackten Frauenunterleib (auf dem Hauptbild links zu sehen) und rund fünf Aktzeichnungen gegeben, gibt der Künstler zu. «Aber man hätte mit mir sprechen und vielleicht hätte ich die betreffenden Werke auswechseln können.» In seinen Werken gebe es nichts Pornographisches oder gar Rassistisches. Dass gleich die gesamte Ausstellung abgeräumt wird und nun im Keller abholbereit ist, hat er als «krass» empfunden und lasse ihn nun in einem "schiefen Licht" stehen. Er spricht von «Geschäftsschädigung» – an der Ausstellung hat er bislang mehrere Bilder verkauft –, und will nun rechtliche Schritte prüfen.

Am Montagnachmittag ruft dann Verena Diener, die Verwaltungsratspräsidentin der Solothurner Spitäler AG, zurück und spricht von einem Kommunikationsproblem. Es hätten nicht alle Bilder des Künstlers abgehängt werden sollen, sondern nur jene mit Aktszenen. Diese würden nicht in den Hauptgang und das Restaurant eines Spitals passen, weil dort Patienten mit ihren verletzlichen und nackten Körpern ein Thema seien und auch Leute aus verschiedenen Kulturen die Bilder sehen würden und dies ein Unbehagen auslösen könnte. Gemäss Diener wurde dieser Grundsatzentscheid im Verwaltungsrat bereits vor rund einem Jahr gefällt. Damals wurde in einer laufenden Ausstellung ebenfalls ein Aktbild entfernt. 

Doch warum wurde der Verwaltungsrat erst jetzt, rund zwei Wochen vor dem Ende der Ausstellung, auf die einzelnen aus seiner Sicht anstössigen Werke aufmerksam? Am vergangenen Donnerstag tagte der Verwaltungsrat im Kantonsspital Olten und lief um die Mittagszeit in corpore an den Bildern vorbei. «Wir sind ziemlich konsterniert im Gang gestanden und haben uns gefragt, wieso jetzt schon wieder Aktbilder ausgestellt sind.» Trotz des Grundsatzentscheids im Verwaltungsrat vor einem Jahr. Sofort ging danach die Weisung raus, dass die betreffenden Bilder entfernt werden müssten. 

Diener tue es nun sehr leid, dass gleiche alle Bilder «aus irgendeinem Missverständnis der Kommunikation» abgehängt wurden. «Das ist keine Kritik an den Werken von Jörg Binz.» Die ehemalige Zürcher Regierungsrätin und Ständerätin für die Grünliberalen will nun dafür sorgen, dass die nicht anstössigen Werke möglichst bald wieder aufgehängt werden und ihm die Sache in einem Telefongespräch persönlich erklären.

Ob der Künstler möchte, dass die Bilder erneut aufgehängt werden, ist allerdings unklar. Am Montagabend zeigte er sich sauer und warf Diener vor, dass sie nun den «Spitalleuten die Schuld in die Schuhe schiebt». Ihre Argumentation sei «fadenscheinig». Er ärgert sich vor allem darüber, wie mit ihm als Künstler umgegangen worden sei und er nun aus der Geschichte einen «Imageschaden» davontrage.

Sein Freund Pedro Lenz, der in einer ersten Stellungnahme noch von einem "Kunstskandal" sprach, gab sich am Montagabend nach dem aufgelösten Missverständnis versöhnlicher. Die Argumentation von Diener, mit der er am Montag noch selbst gesprochen hat, könne man gut finden oder nicht. Wichtig für ihn ist nun, dass Binz als Künstler wieder rehabilitiert sei. Er könne nun dank der Publizität für seine Ausstellung sogar mit einem «Zuschaueraufmarsch» rechnen. Mithilfe des öffentlichen Drucks ist die Sache in seinen Augen noch korrigiert worden, um den Schaden fürs Kantonsspital zu minieren – "sonst wäre wohl nichts passiert", sagt der Autor des Romans «Di schöni Fanny», wo eine der beiden Maler-Hauptfiguren von Binz inspiriert ist. Lenz hielt zudem an der Vernissage Mitte September die Eröffnungsrede.

Die seit vielen Jahren durchgeführten Kunstausstellungen im Hauptgang und im Restaurant des Kantonsspitals, die regionalen Künstlern eine Plattform bietet, sollen laut Verena Diener auch künftig weitergeführt werden. Bisher wurden diese vom Verwaltungsrat nicht abgesegnet. Das soll auch künftig so sein.