Olten
«Konstellationen»: Ein Gedankenexperiment zum Schwindligwerden

Im Theaterstück «Konstellationen» im Oltner Stadttheater spielt ein Paar dasselbe Geschehen mehrmals durch. Meisterhaft gelingt es den beiden Schauspielern Suzanne von Borsody und Guntbert Warns, das Publikum in andere Welten zu entführen.

Karola Dirlam
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Remo Fröhlicher

Was wäre, wenn dieser Text so begänne? Oder wenn vielleicht doch lieber noch ein Wort abgeändert würde? Wenn der Grundton plötzlich ärgerlicher oder harmonischer, härter oder weicher klänge? Hätte das Einfluss auf die darauffolgenden Sätze? Oder gar auf das Ende? Schlicht unlesbar wäre ein Text, der immer wieder von vorne beginnt, dieselben Wörter benutzend, mit nur leichten Veränderungen in Wortwahl und Duktus.

Ganz anders auf der Bühne: Hier gilt das gesprochene Wort, und Schauspiel als visuelle Komponente ergänzt die rein verbale Auseinandersetzung mit einem Thema. Suzanne von Borsody und Guntbert Warns zeigen dies meisterhaft in Nick Paynes preisgekröntem Stück «Konstellationen», in dem dasselbe Geschehen immer wieder anders erzählt wird.

Konstellationen: Das selbe Geschehen, immer wieder anders erzählt.

Konstellationen: Das selbe Geschehen, immer wieder anders erzählt.

Remo Fröhlicher

In einer rasanten Szenenabfolge beleben die beiden Schauspieler die Geschichte des Paares Marianne und Roland. Die intelligente Quantenphysikerin und der bodenständige Imker begegnen sich bei einer Grill-Party. Das ist die Ausgangssituation, von der aus sich das Stück entwickelt.

Dies allerdings nicht in linearer Zeitabfolge, sondern in verschiedenen Multiversen, wie Marianne ihrem Roland immer wieder erklärt. Umstände und Befindlichkeiten, verschiedene Konstellationen, beeinflussen die Situation, sodass ihr Fortgang variabel wird.

Vom ersten Treffen bis zum Tod

Die Zuschauer erleben Marianne und Roland in verschiedenen Situationen – das erste Treffen, der erste gemeinsame Abend, Rolands Heiratsantrag, Streit und Beziehungsprobleme, Fremdgänge, Trennung, die Suche nach der Unsterblichkeit, zufälliges Wiedersehen in der Tanzschule, Auseinandersetzung mit dem Tod.

Und das in allen möglichen Variationen: Mal kommen die beiden nicht über ein, zwei Sätze hinaus; mal sind sie leidenschaftlich und nett; mal schickt sie ihn gleich wieder nach Hause; mal kommt es zum ersten Kuss; mal hält er eine Rede, die in einen Heiratsantrag mündet; mal vergisst er den Zettel und muss improvisieren; mal gesteht sie einen Seitensprung, mal er.

Parallelwelten

Die beiden Schauspieler springen in atemberaubendem Tempo von Szene zu Szene, vor und immer wieder zurück, von Realität zu Realität, von einer Parallelwelt in die nächste – bis dem Zuschauer fast schwindelig wird.

Sie durchlaufen alternative Entwicklungen ein und derselben Ausgangssituation, kämpfen sich durch verschiedene Universen, an verkorksten Anfängen und falschen Abzweigungen vorbei, um den Zuschauern ihre gemeinsame Geschichte zu erzählen.

Mit Mimik oder Gestik lenken die beiden Schauspieler die Geschichte unerwartet immer wieder in neue Richtungen.

Mit Mimik oder Gestik lenken die beiden Schauspieler die Geschichte unerwartet immer wieder in neue Richtungen.

Remo Fröhlicher

Guntbert Warns verwandelt sich in Sekundenschnelle vom spröden Grossmaul zum romantischen Liebhaber, Suzanne von Borsody ist mal charmant und zugänglich, mal verzweifelt und abweisend. Überzeugend und eindringlich ist das Schauspiel beider.

Egal, wie oft sie den formal gleichen Anfang einer jeden Szene bereits gespielt haben – es gelingt ihnen meisterhaft, jede der unterschiedlichen Entwicklungen plausibel zu machen. Mit anderer Mimik oder Gestik oder nur einem Lachen lenken sie die Geschichte unerwartet immer wieder in völlig neue Richtungen, hinein in ein weiteres Paralleluniversum.

Ein Stück fast ohne Bühnenbild

Dabei kommt das Stück, bei dem Antoine Uitdehaag Regie führt, fast ohne Bühnenbild und Requisiten aus, spricht ausschliesslich für sich selber. Eine runde Plattform mit grauem Teppich, ein schwarzer Vorhang im Hintergrund, nackte Glühbirnen, die an unterschiedlich langen Fäden von der Decke baumeln, vier weisse Stühle, deren Position immer wieder verändert wird. Das ist alles. Klangcollagen unterbrechen den Fluss des Geschehens und läuten neue Szenen ein.

Auf anspruchsvolle und berührende Art, mal spielerisch-witzig, mal ernst und abwägend, stellt Nick Payne mit seinem Gedankenexperiment die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach Schicksal oder Zufall, nach der Zeit und dem freien Willen jedes Einzelnen. Das raffiniert konstruierte, nur 70 Minuten lange Zwei-Personen-Stück ist ein geniales Plädoyer für den Wert des Augenblicks.

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