«Antonio Vivaldi hat nicht 500 Konzerte geschrieben, sondern 500 Mal dasselbe Konzert»: So verspottete Igor Strawinsky den venezianischen Barockkomponisten. Der Italiener Andrea Marcon hält so dagegen: Vivaldis Musik werde eben nicht schon beim Lesen der Partitur lebendig, sondern ergebe sich erst beim Spielen. O ja, pflichtet man diesem Dirigenten bei und würde diesen sofort auf das Konzert von L’Opera Stravagante verweisen, das zu den Highlights der Oltner Konzert-Saison zählt.

Das kleine, stehend auf Originalinstrumenten spielende Ensemble interpretiert Vivaldi nämlich genau so, wie man sich das erträumt: Quicklebendig, aber nie «mechanisch»; gleichsam aus dem Moment schöpfend und damit mit jenem Quäntchen an Unwägbarkeit, das eine Interpretation spannend, ja sogar zum Krimi macht. Dem auch als Prete Rosso bekannten Italiener Antonio Vivaldi steht im Programm der Deutsche Johann Adolph Hasse oder Il divino Sassone (göttlicher Sachse) gegenüber.

L'Opera Stravagante 3a

Romina Basso erzählt Geschichten von Liebesfreude und –schmerz – und geht darin so auf, dass man mit dieser Sängerin mitgeht.

 

Superstars aus dem Barock

Die beiden, im Barock als Superstars geltenden Komponisten, sind kluge Dramaturgen, die wissen, dass auf Spannung zwingend Entspannung folgen muss. Also darf der Adrenalinspiegel bei der einleitenden Sinfonia schon einmal hochschnellen. Dazu tragen einerseits der rhythmisch unwiderstehliche Drive, andererseits aber auch die kleinen Verzögerungen oder Beschleunigungen der Tempi, die solistischen Ausflüge sowie die Verzierungen bei, die einen ungeduldig wie ein Kind fragen lassen: Was kommt als Nächstes?

So gespielt, erklingt die Barockmusik kurzweilig und aufregend: Der Orchesterklang wirkt kernig – insbesondere dann, wenn Massimo Raccanelli und Fedrico Toffano im Konzert für zwei Violoncelli ein Feuerwerk abbrennen bei rasanten Lagenwechseln. Es ist wohl kein Zufall, dass einem bei Vivaldi immer wieder die italienische Küche in den Sinn kommt. Im genannten Werk scheint es förmlich zu kochen und zu brodeln. Da wird ein Menü angerichtet, das mundet und Spass macht – auch dank den fordernd-fördernden Impulsen des Lautenisten und Leiters Ivano Zanenghi.

L'Opera Stravagante 2a

Anna Fusek mit Vivaldis Blockflöten-Konzert in C-Dur RV 443.

Mit Spielfreude, Verve und Brillanz allein ist es aber nicht getan. Will man ein anspruchsvolles, mit technischen Schwierigkeiten nur so gespicktes Programm derart souverän und «knusprig wie ein Brot» (Andrea Marcon) servieren, braucht es neben Können vor allem Vertrauen in die Partner. Das wird eindrücklich erlebbar, wenn die Mezzosopranistin Romina Basso Arien von Vivaldi und Hasse singt. Schon die ersten Takte von Hasses «Pallido il sole» (aus der Oper «Artaserse») lassen aufhorchen: Man wird von dieser Stimme ergriffen, weil sie den Raum mit Tönen förmlich flutet.

Die Aneinanderreihung «nur» schöner Töne würde jedoch kaum Wirkung erzielen, wäre da nicht das Wie des Erzählens. Romina Basso erzählt Geschichten von Liebesfreude und –schmerz – und geht darin so auf, dass man mit dieser Sängerin mitgeht. So sehr, dass am Ende, nach dem Verklingen einer hauchzarten, vom Lautenisten wunderbar unterstützten Phrase, das Publikum dem gerade zu Ende Gegangenen erst einmal nachlauscht, bevor es applaudiert. Kaum enden wollenden Applaus gibt es auch für Anna Fusek. Sie verlässt für Vivaldis Blockflöten-Konzert in C-Dur RV 443 die Rolle der Ensemblegeigerin und schlüpft in jene der Blockflötistin, die hochvirtuose Fingerfertigkeit und eloquentes Spiel umwerfend verbindet. Mit einem Wort: Das Konzert von L’Opera Stravagante war Extraklasse.