Es ist so etwas wie ein Rundumschlag: In einem knapp vierseitigen Schreiben, welches dieser Zeitung anonym zugespielt wurde, beklagt sich der Wangner Gemeinderat Christian Riesen (SVP) über die Geschäftspraxis von Gemeindepräsidentin Daria Hof (FDP). In aller Kürze zusammengefasst: Riesen führt darin ein knappes Dutzend Punkte an, mit denen er der Gemeindepräsidentin «den Spiegel vorhält», wie es sich im Schreiben liest. Und welches schliesslich in der Frage gipfelt, ob die Gemeindepräsidentin ihrer Rolle überhaupt gewachsen sei.

Für Riesen ergibt sich diese Frage auch mit der vermeintlichen Feststellung, dass in Wangen womöglich mit zwei verschiedenen Ellen gemessen werde. So herrscht im Rat scheinbar keine Klarheit, inwieweit an Anlässen, die von der Gemeinde organisiert und oder mitorganisiert werden, Werbung in eigener Sache gemacht werden darf. Verschiedene Mitglieder des Gemeinderates sind ganz oder teilweise selbstständig Erwerbende. Unter anderem hatte Riesen den Clean-up-Day-Flyer mit Werbung für seine Immobilienfirma gespickt, was mancherorts sauer aufstiess, nicht aber Werbeaktionen anderer Ratsmitglieder bei ähnlichen Gelegenheiten. «Wäre an ihrer Stelle eine SVP-Person im Gemeindepräsidium, stünden schon längst Rücktrittsforderungen im Raum und wäre zu gewissen Punkten längst eine Strafanzeige eingereicht», schreibt der Gemeinderat in seinem Papier weiter. Und: «Bezüglich Fähigkeit, Kompetenz und Führungsstärke hätte ich von Ihnen mehr erwartet», so der SVP Gemeinderat.

Riesen ist überrascht

Riesen zeigt sich ob der Tatsache, dass sich der Brief im Besitz dieser Zeitung befindet, auf Anfrage dieser Zeitung mehr als perplex. «Zum Inhalt des Papiers will ich unter diesen Umständen nichts sagen», meint der Gemeinderat, der sein Schreiben mit der Etikette «nicht für die Öffentlichkeit bestimmt» versieht und sich von der anonymen Aktion auf Schärfste distanziert. Er habe damit nichts zu tun, sagt er.

Geharnischte Reaktionen also, die im Rahmen des Möglichen etwas mehr der Konkretisierung bedürfen. Riesen etwa hält in seinem Schreiben fest, dass sich Daria Hof für den Wahlkampf ums Gemeindepräsidium 2017 bei der Gemeinde mit den Adressen sämtlicher Stimmberechtigter in Wangen bedient habe. «Auf der Basis welcher Rechtsgrundlage ist dies möglich?», fragt Riesen und stellt dabei das Thema Datenschutz in den Raum. Als möglicherweise schädlich empfindet Riesen auch das speziell für Wangen geschaffene Submissionsgesetz, mit dem das einheimische Gewerbe unterstützt werden und mit welchem sich Daria Hof am Gewerbelunch angeblich wider besseres Wissen profiliert haben soll.

Für Dienstaltersgeschenke

Entgegen der Dienst- und Gehaltsordnung hatte sich der Gemeinderat mit Stichentscheid der Präsidentin seinerzeit für Dienstaltersgeschenke bei der Musikschule ausgesprochen. «Mich würde interessieren, warum Sie sich im Stichentscheid gegen gültige Reglemente entschieden haben?», fragt Riesen.

Ebenfalls ein Dorn im Auge ist dem SVP Gemeinderat die offensichtlich lange Sitzungsdauer, die gemäss Schreiben nicht selten erst nach Mitternacht endet. Ein Umstand, den er der Gemeindepräsidentin und deren Sitzungsführung anlastet. Auch hält Riesen fest, dass Ergebnisse aus Klausurtagungen öfters als Beschlüsse des Gemeinderates dargestellt würden. Fälschlicherweise. Dabei haben Klausurtagungen nach seiner Ansicht weder Beschlusskraft noch seien diesbezüglich Beschlüsse protokolliert. Andere Bemerkungen Riesens an die Adresse der Gemeindepräsidentin betreffen Inhalte aus Geschäftsbereichen, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit behandelt wurden.

Gemeindepräsidentin bedauert

Auch für Gemeindepräsidentin Daria Hof ist die Veröffentlichung des Briefes bedauerlich, wie sie auf Anfrage erklärt. «Der Brief war an den Gemeinderat adressiert und ich werde auf die im Brief gestellten Fragen auch an die Adresse des Gemeinderates antworten.» Die Beantwortung wird in der nächsten Ratssitzungen erfolgen. Weiter wollte Daria Hof den fraglichen Brief nicht kommentieren.

Wangens Exekutive befindet sich im zweiten Jahr der laufenden Amtsperiode. Als erfahrener Projektleiter habe er in seinem ersten Amtsjahr oft geschwiegen, obwohl es ihn innerlich fast zerrissen habe dabei, schreibt Riesen, der im Sommer letzten Jahres einer von drei Kandidierenden im Rennen uns Gemeindepräsidium war, sich später aber selbst aus dem Rennen nahm.

Vor einigen Tagen hatte Christian Riesen ebenfalls für einen kleineren Wirbel gesorgt, als er sich öffentlich gegen eine seiner Ansicht nach verbreitete und zu häufig angewandte Praxis aussprach: Zu viele Geschäfte würden im Gemeinderat unter Ausschluss der Öffentlichkeit behandelt, so der 47-jährige Unternehmer und Projektleiter. Er fand sich mit dieser Haltung alleine im Rat und soll, wie Dritte wissen wollen, dafür auch gerüffelt worden sein.