Olten

«knapplive»: Lisa Christ präsentiert ihr Fruchtfleisch

«knapp live»

«knapp live» Ausschnitte aus dem Programm vom 25. April.

Buchtaufe Die Oltner Slam-Poetin Lisa Christ hat ihre besten Texte in einem Buch zusammengetragen. Dessen Inhalt performt sich jedoch besser, als er sich liest.

Die besten Texte aus ihrer bislang elfjährigen Poetry-Slam-Karriere habe sie in dem Buch vereint, erklärte Lisa Christ zu Beginn der Vernissage am Mittwochabend in der Oltner Schützi. Das rund 130 Seiten umfassende, im Oltner Knapp Verlag erschienene Buch trägt den Namen «Im wilden Fruchtfleisch der Orange». Eine Analogie, die Christ im ersten von 24 Texten im Buch verwendet, um ein Missverhältnis zwischen Spielfilmen und dem realen Leben zu beschreiben: «Wenn das Leben eine Orange wäre, dann wäre der Film das Konzentrat des ausgepressten Nektars.» Um die in Filmen gezeigten, herausragenden Momente eines Leben – den Nektar – in der Realität erlangen zu können, kämpfe man sich zuerst durch unzählige «Momente im wilden Fruchtfleisch der Orange», schreibt Christ in ihrem Erstlingswerk. Um am Textende in der «ganzen Schlachterei um den Kern der Orange» den Sinn des «richtigen Lebens» auszumachen.

Die Oltner Slam-Poetin liest in der Schützi aus ihrem neuen Buch vor, im Hintergrund ist gross das dazugehörige Cover eingeblendet.

Die Oltner Slam-Poetin liest in der Schützi aus ihrem neuen Buch vor, im Hintergrund ist gross das dazugehörige Cover eingeblendet.

Unter den wenigen Mustern, die Christ an diesem Abend in der Schützi zum Besten gab, befand sich ebendieser Text. Bekommt man diesen von Christ in Bühnendeutsch, lebhaft intoniert und von passender Mimik und Gestik begleitet vorgetragen, weist ihr Werk unbestritten Unterhaltungswert auf. Durch den Mangel dieser Performance-Elemente lässt sich dem Text in Buchform davon etwas weniger abgewinnen. Die eher kurz gehaltenen, oft umgangssprachlichen Formulierungen wurden spezifisch für die Bühne kreiert und erzeugen ohne ihre nonverbalen Bestandteile nicht dieselbe Wirkung. Doch bietet das frisch veröffentlichte Buch einen durch die Illustrationen Antonia Vögelis optisch ansprechenden Überblick über das Schaffen der 27-jährigen Oltnerin.

Slam-Kollege Muheim regt sich auf

Für Personen, die weniger vertraut sind mit ihrem Werk, war insofern jedoch bedauerlich, dass Christ an diesem Abend lediglich zwei ihrer 24 Buchtexte vortrug. Obwohl sich der Abend, der innerhalb der Veranstaltungsreihe «knapp live» stattfand, seinen Titel mit Christs Buch teilt, erhalten zwei ihrer Poetry-Slam-Kollegen sowie ein Solothurner Liedermacher mehr Bühnenzeit als die eigentliche Hauptfigur des Anlasses. Auch diese weisen jedoch Qualitäten auf, die der Unterhaltsamkeit nicht abträglich sind.

Dominik Muheim bot in seinen drei Stücken Anekdotisches aus dem Alltag. Zunächst regte er sich sehr variantenreich über alles Denkbare auf – unter anderem auch darüber, dass er sich überhaupt über etwas aufzuregen vermag oder auch darüber, dass er sich eben nicht über etwas aufregt, über das er sich eigentlich aufregen sollte. Mit seinem dritten Beitrag über eine unfreiwillige Autofahrt mit einem übereifrigen Fahrlehrer schaltete Muheim dann durch dessen Parodie humoristisch zwei Gänge hoch. 

Dominik Muheim (v.l.), Lara Stoll und Ruedi Stuber

Dominik Muheim (v.l.), Lara Stoll und Ruedi Stuber

Lara Stoll, eine der führenden Slam-Poetinnen des Landes, gewährte ebenfalls einen Einblick in ihren «Alltag», der allerdings schon etwas absurder und ironisierender ausfiel als jener Muheims. Sie kam mit ihrem Text «Digital Mother 5000», auf das Thema Digitalisierung und Alter zu sprechen. Darin beschreibt Stoll ein Szenario, in dem ihre Mutter nach Anfangsschwierigkeiten plötzlich über Expertenkenntnisse im Umgang mit Smartphone und Internet aufweist. Dies hat für die Tochter die unangenehme Folge, dass der Kühlschrank im Elternhaus nicht wie üblich mit schmackhaften Esswaren gefüllt, sondern plötzlich leer ist, da die Mutter ausser ihren Digitalgeräten nichts anderes mehr im Kopf hat. Selbst durch Fragen nach korrekter Verhütung schafft es Stoll nicht, die Aufmerksamkeit der Mutter wieder auf die Tochter zu lenken.

Als einziger Nicht-Slam-Poet befand sich der Solothurner Liedermacher Ruedi Stuber auf der Bühne. Der mehrfache Preisträger sang schweizerdeutsche Lieder, die mittels originell gereimter Verse vom Umgang mit fremden Menschen, von Elefanten oder den Eigenheiten des Küssens erzählen. In Letzterem riet er dem Publikum für einen gelungenen Kuss unter anderem: «Vergässet joo, um Himmels Wille, bim Küsse d’ Keime und d’ Bazille. Süsch het de euche Kussversuech d’ Romantik vomne Zahnarztbsuech.»

Die vier Künstler bestritten den rund zweistündigen Abend abwechselnd mit je rund fünf- bis zehnminütigen Darbietungen. Auch Christ kam nochmals zum Zug, mit einer kurzen Präsentation, die ihren Werdegang anhand niedlich anzuschauender Fotos aus ihrer Kindheit und Jugend wiedergab. Dabei sorgten sowohl die Fotografien an sich wie auch die Erläuterungen Christs für Belustigung. Als Zuschauer wurde man darüber in Kenntnis gesetzt, weshalb Christ ihrem ursprünglichen Berufswunsch der Profimusikerin bei ihrer ersten «Tournee» im Kindesalter nicht sehr lange nachgehen konnte. «Als Kind verträgt man die Drogen und den Alkohol noch nicht so gut.

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