Olten

Ein knapp 13-jähriges Schulmädchen spielt Paganini – und begeistert damit den Konzertsaal

Geigerin Leia Zhu, knapp 13-jährig, glänzte in Olten mit Verve und voller Energie.

Geigerin Leia Zhu, knapp 13-jährig, glänzte in Olten mit Verve und voller Energie.

Die bald 13-jährige Leia Zhu gastierte mit dem Festival Strings Lucerne im Konzertsaal Olten. Die junge Musikerin begeistert das Publikum.

Ein Schulmädchen in einem etwas allzu langen, roten Abendkleid erklimmt die Bühne im Konzertsaal und lächelt etwas scheu: Leia Zhu entspricht beim ersten Augenblick dem Klischeebild, das wir von Wunderkindern haben. Doch dann setzt sie die Violine vor fast ausverkauftem Haus an und plötzlich sehen wir kein Kindergesicht mehr, sondern das ernste Antlitz einer erwachsenen Künstlerin. Mit Verve und voller Energie gibt sie dem Kammerorchester die Tempi vor und die exzellenten Musiker der Festival Strings Lucerne folgen gerne dem Diktat der kleinen Virtuosin in der rhythmisch stark akzentuierten «Havanaise» E-Dur, op. 83 des Franzosen Camille Saint-Saëns.

Mit einer für ihr Alter absolut verblüffenden Reife und Ernsthaftigkeit gestaltet Leia dieses anspruchsvolle Tanzstück. Der schöne, volle Ton ihrer Geige füllt den Konzertsaal; Leia spielt eine wertvolle Violine des venezianischen Geigenbauers Michele Deconet, die ihr ein privater Sammler leihweise zur Verfügung gestellt hat.

Ein Paradestück von Paganini

Gleich nach der Pause wendet sich der sympathische Kinderstar dem wohl berühmtesten aller Geiger zu: Niccolò Paganini komponierte vor allem, um mit seinen technisch unglaublich anspruchsvollen Werken seine eigene Virtuosität als Künstler zu beweisen. Leia Zhu meistert bereits im fast romantischen «Cantabile» D-Dur op.17 einige besonders anspruchsvolle Tonfolgen. «La Campanella» gilt als Paganinis Paradestück und ist bis heute bei den Streichern ein Prüfstein. Leia wirkt sehr sicher, stellt die Akkorde blitzschnell aufeinander und erklimmt mit ihrem Instrument schwindelerregende Höhen – sichtlich freut sie sich selbst an ihrem Können.

Das begeisterte Publikum belohnt die junge Künstlerin mit einer Standing Ovation. Auf ein paar Fragen von Daniel Dodds erzählt sie aus ihrem Alltag zwischen Konzerten und der Schule in Newcastle, von den vielen Hausaufgaben, ihrem jüngeren Bruder Leo und den Schul-Clubs, und verrät schliesslich, dass sie Tagebuch führt und auch kleine Musikstücke komponiert. Mit einer Bach-Zugabe, tapfer solo gespielt, verabschiedet sich Leia Zhu. Was hatte man gesehen und gehört: Ein begnadetes Schulmädchen auf dem Weg zur grossen Karriere.

Gehaltvolle Umrahmung mit wenig Geläufigem

Die Festival Strings Lucerne unter ihrem Leiter, dem vorzüglichen Violinisten Daniel Dodds, profilierten sich in den übrigen Stücken des Konzertabends mit weniger Geläufigem. Zum Auftakt erklang eine Suite für Streichorchester: Der Däne Carl Nielsen versuchte in seinem ersten Werk, die südliche Lebenslust der griechischen Mythen in den Norden zu holen. Schwermütige Lebenslust mischte sich mit sommerlich flirrenden Tönen. Recht humorvoll streute er im kurzen «Intermezzo», dem zweiten Satz, sogar ein paar Walzerklänge ein. Bedeutungsschwer und ungeheuer schön, mit ungewohnten Akkorden und sich steigernden Wiederholungen beschwörte Richard Wagner im Vorspiel seiner Oper «Tristan und Isolde» die grosse Liebe und den Liebestod.

Und zum Schluss interpretierte das bekannte Luzerner Kammerorchester noch das dreisätzige «Divertimento» für Streichorchester, das der moderne ungarische Musiker Béla Bartók vor genau 80 Jahren komponiert hat. Bartók schrieb es im August 1939, kurz vor Kriegsbeginn, während zweier Ferienwochen in Saanen als Auftragswerk des Basler Mäzens und Dirigenten Paul Sacher, der es später auch uraufführte. Osteuropäische Volkslieder, Tänze sind zu erahnen, doch allzu viel Idyllisches ist nicht zu finden – es ist eher ein Tanz auf dem Vulkan.

Als Zugabe spielten die Festival Strings Lucerne passenderweise noch vier kurze, rumänische Tänze aus dem Oeuvre des berühmten zeitgenössischen Komponisten.

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