Seit 2009 arbeitete K.* in der Sozialregion Untergäu auf dem Sozialamt Hägendorf. Gab es denn in dieser Zeit keine Anhaltspunkte dafür, dass der heute 52-Jährige Klientinnen sexuell genötigt haben könnte? Es habe schon ab und an gewisse Reklamationen gegeben, berichtet Michel Tschanz, der im Oktober 2012 Chef von K. wurde.

Auf Nachfrage seien die Klientinnen aber zurückgekrebst. «So hatten wir keine konkreten Anhaltspunkte.» Tschanz beschreibt K. als introvertierte, wenig zugängliche und auch wenig teamfähige Person.

Die Situation änderte sich aber plötzlich: Mitte Oktober wendete sich eine Klientin von K. ans Sozialamt und schilderte die Ereignisse. Da sie die Namen weiterer betroffener Frauen nannte, konnten diese befragt werden. Die Vorwürfe erhärteten sich. «Es gab zwei bis drei deutliche Hinweise», so Tschanz. Für den Stellenleiter war rasch klar, dass dieses Verhalten — «auch wenn es nicht so heftig sein sollte» – nicht dem Hauptleitsatz «Wertschätzender Umgang untereinander» entspricht. 

Nur zwei Tage nachdem sich das erste Opfer gemeldet hatte, wurde K. fristlos entlassen. «Für mich gilt da eine Nulltoleranzgrenze», so Tschanz, «denn es ging um Ausnützung von Notlagen. Da muss man einfach handeln.»

Nach der Entlassung ging es auf dem Sozialamt erst richtig los. K.s Dossiers wurden unter den restlichen Mitarbeitenden aufgeteilt; Termine wurden übertragen. Klientinnen zeigten sich erleichtert, dass K. nicht mehr da war und hinterliessen den Eindruck: Es war die richtige Entscheidung, ihn zu entlassen.

Die Kündigung war arbeitsrechtlich der härteste Weg, den Tschanz begehen konnte. Angesichts zahlreicher mündlichen Reklamationen von Klientinnen und eingesehener Schriftdokumente stand aber plötzlich auch eine strafrechtliche Verfolgung im Fokus. So reichte der Chef am 27.Oktober eine Anzeige ein. Die Untersuchung läuft.

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Kontrolle hat nicht versagt

Rund 95 aktive Fälle hat K. zum Zeitpunkt seiner Entlassung betreut. Doch nicht alle werden nun auf Unregelmässigkeiten untersucht. Einige Dossiers fallen weg, weil es um Männer oder Familien geht. «Die sind kein Thema», so Tschanz. Es bleiben rund 25 Dossiers übrig, die nun genauer angeschaut werden.

Um Abrechnungsfehler geht es aber nicht direkt. «K. hat den Klienten nie zu wenig oder zu viel ausbezahlt», sagt Tschanz. Dies würde auffallen; der Klientenbuchhalterin oder spätestens dem Amt für soziale Sicherheit, welches die Sozialregionen jedes Semester überprüfe. «Bei uns wurden nie Abweichungen festgestellt», sagt der Stellenleiter.

Es habe keine Kontrolle versagt. «Es geht hier einfach um Bereiche, die man nicht kontrollieren kann», meint Tschanz. Damit spricht er die Mietzinse und Weiterbildungen an, wo die Sozialamt-Mitarbeiter Einfluss nehmen und auch begründete Ausnahmen gewähren können. Bei den Weiterbildungen liegt es beispielsweise im Ermessen der Mitarbeiter, welche Klienten sie in Kurse schicken und welche nicht. K. soll hier Druck auf die Klientinnen ausgeübt haben. «Begründungen in den Dossiers sind vorhanden. Die Frage ist nur, ob sie auch richtig sind», so Tschanz.

Michel Tschanz‘ Vertrauen in seine Mitarbeiter wurde durch den Vorfall nicht getrübt. «Mein Vertrauen in die Mitarbeiter ist uneingeschränkt», betont er. Der Betrieb soll normal weiterlaufen. Laut Tschanz ist der operative Betrieb gewährleistet. «Es sollte zu keinen Wartezeiten kommen.» Die freie Stelle wird in den nächsten Tagen ausgeschrieben.

M.K. bestreitet die Vorwürfe.