Olten
Klavierstar Alexander Melnikov zeigt im Oltner Konzertsaal Musik voller Gefühl und Gegensätze

Die Camerata Salzburg und Starpianist Alexander Melnikov, auf einem Steinway-Konzertflügel spielend, brillierten mit Werken von Haydn, Mozart und Schubert

Peter Kaufmann
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Der Pianist Alexander Melnikov (Bildmitte) spielt mit dem Gesicht zum Publikum hin. Die Tastatur und die Hände des russischstämmigen Musikers waren nicht zu sehen.

Der Pianist Alexander Melnikov (Bildmitte) spielt mit dem Gesicht zum Publikum hin. Die Tastatur und die Hände des russischstämmigen Musikers waren nicht zu sehen.

Remo Fröhlicher

Er gilt als einer der besten Pianisten seiner Generation: Der russischstämmige, in Manchester lebende Alexander Melnikov zeigte in seinem Auftritt im Oltner Konzertsaal mit der Camerata Salzburg sein präzises Können und einen geradezu liebevollen Umgang mit dem alten, in den hohen Tönen mittlerweile etwas dumpf klingenden Steinway-Konzertflügel. Das Instrument stand unüblicherweise mitten im Orchester statt davor, die schmale geschwungene Vorderseite war gegen das Publikum gerichtet, die Tastatur und die Hände des Solisten waren nicht zu sehen. Dies ergab eine eigene Tonalität, die jedoch dem melodienreichen und fast tänzerischen Charakter des Klavierkonzerts in G-Dur KV 453 von Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) durchaus entgegenkam. In den aufbrausenden Fortissimi verschmolzen die Töne des Klaviers mit denen des Kammerorchesters, in den leiseren Stellen setzte sich Melnikov mit Gelassenheit gegen den Orchesterklang durch, stets präsent und ohne billige Effekte.

Alexander Melnikov ist ein Musiker, der weiss, was er will. Und er will seinem Publikum vor allem eine überzeugende musikalische Interpretation abliefern und nicht sich selbst ins Rampenlicht stellen, wie dies jüngere Pianisten oft tun. Das Publikum im ausverkauften Konzertsaal freute sich über die reife Darbietung des engagierten Hobby-Piloten und Meisterpianisten, hoffte aber vergeblich auf eine Zugabe.

Fast alle Lichter im Saal erloschen

Die vier Werke des Konzertes waren nach den Komponisten-Namen aneinandergereiht. Zum Auftakt des kleinen Komponisten-ABC spielte die Camerata ein Werk von Joseph Haydn (1732–1809). Die Sinfonie in D-Dur Hob. 1:19 lehnt sich in ihren drei Sätzen an die italienische Kammersinfonie jener Zeit an und bringt uns denn auch viel Lebensfreude und Wohlklang zu Gemüte. Die Qualitäten der Camerata, die unter der Leitung des israelischen Konzertmeisters Gregory Ahss beschwingt und kraftvoll musizierte, kamen in diesem Haydn-Stück bereits voll zur Geltung. Unglaublich leise, berührende Pianissimi waren zu hören, eine kleine, superbe Bläsergruppe setzte markante Akzente und die Streicherformation fiedelte mit Hingabe, Spielfreude und sichtlichem Spass an der Sache. Ein Auftakt, der viel erwarten liess. Und diese Erwartungen wurden denn auch nicht enttäuscht.

Gleich nach der Pause erloschen fast alle Lichter im Saal, die sich anbahnende feierliche Stimmung quittierte das Publikum mit etwas Gelächter und geflüsterten Bemerkungen. Doch dann erklangen ungewohnte Töne, hauchzart zuerst, nach kurzen Generalpausen langsam anschwellend bis zum imitierten, wuchtigen Orgelklang. Mit «Trisagion» (Dreimal heilig) ist dem 1935 geborenen, estnischen Komponisten Arvo Pärt ein eigenwilliges musikalisches Gebet gelungen, das unmittelbar anspricht und die Gedanken schweifen lässt. Pärt hat sein Werk auf einen liturgischen Text der orthodoxen Kirche komponiert: «Worte schreiben die Musik.» Obwohl der liturgische Text nicht zu hören ist, entwickelt sich aus der prägnanten rhythmischen Gliederung des Werkes ein Gesang zur Anbetung Gottes.

Zugabe mit Fast-Premiere

Nach dem letzten, leisen Ton wurde es wieder hell im Saal und die Camerata Salzburg interpretierte, ohne den Applaus abzuwarten, mit viel Gefühl und Leichtigkeit die Sinfonie Nr. 5 in B-Dur, D 485 von Franz Schubert (1797–1828). Dieses Jugendwerk entstand in einer Zeit, in der der erst 19-jährige Schubert auf der Suche nach seinem eigenen musikalischen Stil war. So erinnert denn auch viel an Mozart. Schubert lässt aber die Melodien gekonnt ineinanderfliessen, die kurzen Sätze ergeben viel Abwechslung – besonders, wenn sie mit so viel Musizierfreude vorgetragen werden wie dies in Olten der Fall war.

Nach mehr als zwei Konzertstunden gab es dann doch eine Zugabe: ein witzig aufbereitetes Stücklein der «Petits Riens», einer sonst wenig zu hörenden Mozart-Komposition. Und dies war fast eine Premiere: Die Camerata Salzburg hatte es am Abend zuvor zum ersten Mal gespielt.