Olten
Klassische Musik erklang abseits des Konzertsaales

Der Chor der Kantonsschule Olten gab sein diesjähriges Konzert im Industriewerk der SBB; als stumme Zeugen wirkten dabei auch die in Revison stehenden Bahnwaggons.

Jérôme Jacky
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Der Chor der Kantonsschule Olten unter der Leitung von Bruno Fabel und Peter Hitz am Flügel Remo Fröhlicher

Der Chor der Kantonsschule Olten unter der Leitung von Bruno Fabel und Peter Hitz am Flügel Remo Fröhlicher

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Konzerte ausserhalb der gewohnten Infrastruktur aufzuführen, ist sowohl für Sänger wie auch für Organisatoren eine Herausforderung. Trotzdem liess sich der grosse Chor der Kantonsschule Olten auf das Experiment ein und führte das diesjährige Konzert «Fahrende am Zug» für einmal nicht in der Aula, sondern im Industriewerk der SBB auf. «Die Idee entstand auf einer Lehrerführung durch das Werk», erklärt Bruno Fabel, der in diesem Jahr die Hauptleitung des Chores innehatte. So mussten die Zuschauer zuerst durch Werkstätte laufen, bevor sie in die grosse, improvisierte Konzerthalle eintreten konnten. Dort erwartete sie die übliche Konzertbestuhlung sowie eine dezent geschmückte Bühne. Der Unterschied zum Konzertsaal lag hauptsächlich im Ausblick auf die in Revision stehenden Bahnwaggons, denn in Sachen Akustik steht die Halle dem Konzertsaal in nichts nach.

Die Werkauswahl fiel in diesem Jahr auf Zigeunerlieder der Romantik. Eröffnet wurde das Konzert mit dem Zigeunerchor aus Carl Maria von Webers «Preciosa». Kraftvoll wie eine Lokomotive stieg der Chor in das für Klavier und Chor arrangierte Lied ein. Die im Original rein orchestral besetzten Echostimmen wurden hier durch Chorstimmen übernommen, die ihr Echo aus dem Werkstattbereich schallen liessen. Darauf sang der Chor «Zigeunerleben» von Robert Schumann. Das Werk, in welchem der wilde und braun gebrannte Zigeuner besungen wird, verlangte vom Chor einiges ab. So sangen die jungen Sänger piano vom Rascheln in den Wäldern und direkt darauf folgend forte vom Zigeuner mit dem wehenden Haar. Der Chor meisterte aber die Crescendi und Decrescendi mit Bravour. Auch der Dirigent steuerte sein ganzes Können dazu bei. Er wusste den Chor an den ruhigen Stellen zu bändigen, um später die ganze Energie abrufen zu können.

Einen Konzertschwerpunkt bildeten die «Zigeunermelodien» von Antonin Dvorák. Vorgetragen wurde der sieben Lieder umfassende Zyklus von der Mezzosopranistin Daphné Mosimann. Zu Beginn eher zurückhaltend gesungen, entfaltete sich Mosimanns Stimme dann spätestens ab dem berühmten Lied «Als die alte Mutter mich noch lehrte singen» gänzlich. In melancholischen und traurigen, aber auch lieblichen Melodien sang die Sängerin von der Liebe, dem Sehnen und der Naturverbundenheit des Zigeuners.

Zum krönenden Abschluss sang der Chor Johannes Brahms «Zigeunerlieder». Die Gefühle in der Musik, meist temperamentvoll und leidenschaftlich, teils auch melancholisch, wurden vom Chor sorgsam herausgearbeitet. Die Freude und Energie, die dabei von Dirigent und Sängern ausging, sprang gänzlich auf die Konzertbesucher über. Nach der Zugabe «Bohemian Rhapsody» von Queen wurde der Chor mit lautstarkem Beifall und Standing Ovations belohnt. Ein Lob verdient auch der Pianist Peter Hitz, der den Chor und die Solistin in allen Stücken souverän begleitete. Zigeunerlieder in einer Industriehalle der SBB aufzuführen, mag auf den ersten Blick merkwürdig erscheinen. Bruno Fabel sieht durchaus Bezüge zu Zug und Zigeuner: «Wenn die SBB selber den Slogan ‹Unterwegs zu Hause› wählen, so könnte man damit ja genauso gut Fahrende beschreiben.»

Der Mut zu diesem ungewöhnlichen Konzerterlebnis verdient Respekt und es ist zu hoffen, dass auch andere Musiker sich aus dem Konzertsaal wagen. Dass das möglich ist, hat der grosse Chor der Kantonsschule Olten nämlich mit seiner Aufführung bewiesen.