Olten
Kirchgasse Olten: Als «Flaplaka» noch normales Tagesgeschäft war

Ein Blick in die Zeit zurück, als sich die heutige Begegnungszone sowieso verkehrsfrei präsentierte und das Automobil noch nicht sonderlich populär war.

Urs Huber
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«Begegnungszentrum Innenstadt»: Die (noch) verkehrsfreie Kirchgasse, auch Kirchplatz genannt, wohl um die Wende zum 20. Jahrhundertaufgenommen (Karte abgestempelt am 1. April 1907).

«Begegnungszentrum Innenstadt»: Die (noch) verkehrsfreie Kirchgasse, auch Kirchplatz genannt, wohl um die Wende zum 20. Jahrhundertaufgenommen (Karte abgestempelt am 1. April 1907).

Sammlung Rene Messerli

Die Freude über die verkehrsbefreite Kirchgasse in Olten ist gross. «Flaplaka», so versprechen sich deren Nutzer und Anrainer, soll dort wieder Trumpf werden. «Flaplaka» – eine Wortschöpfung aus flanieren – plaudern– kaufen. Die Kirchgasse hat ihr Gesicht verändert, scheint in ihrem neuen Cachet schier um ein Jahrhundert «zurück geworfen»; im restaurativ-positiven Sinne verstanden.

Langsamverkehrende haben sich den Raum zurückerobert, der im Lauf der letzten Jahrzehnte an den Verkehr verloren gegangen war. Historische Aufnahmen erlauben, ein Auge auf die Verkehrssituation von damals zu werfen, als Flanieren, Plaudern und Kaufen auf der Kirchgasse Selbstverständlichkeit war.

Nebenstehendes Bild zeigt die Kirchgasse wohl um die Wende zum 20. Jahrhundert. Damals wurden Fahrten des Automobils durch die Stadt noch in kurzen Zeitungsnotizen erwähnt. Von knatternden Motoren und aufgewirbeltem Staub war die Rede, von der allgemeinen Fahrtrichtung Richtung Hauenstein, der Durchfahrtszeit (12.35 Uhr) und vom Umstand, dass Oltnerinnen und Oltner – aufgeschreckt vom Motorengeräusch – auf die Strasse traten, um sich das vorbeifahrende Ding anzusehen.

Nichts für «automobile Herzen»

Das wird wohl recht lange so geblieben sein, denn auch andere historische Bilder lassen kaum eine Vermutung auf Autoverkehr zu. Kein Wunder: Ein Blick in die Statistik zeigt: Gerade 17 080 Motorfahrzeuge waren 1920 schweizweit immatrikuliert, zehn Jahre zuvor gar erst deren 6925. In Anbetracht solcher Zahlen darf davon ausgegangen werden, dass sich die Kirchgasse noch lange Zeit weitgehend verkehrsfrei präsentierte und erst mit dem Anschwellen der Anzahl Motorfahrzeuge ab 1950 (225 430) auf 803 705 zehn Jahre später spürbar automobil genutzt wurde und das Auto kontinuierlich zum eigentlichen Okkupanten des Areals mutierte (heute 4,3 Mio. Personenwagen). «Flaplaka» auf der Kirchgasse geriet in den Hintergrund.

Welche automobilen Spuren lassen sich in Olten überhaupt finden aus jener Zeit? Vielleicht geben Inserate Aufschluss. 1920 machten gerade mal deren zwei in einer Tageszeitung auf Autos aufmerksam: Ein Agent aus Neuenburg pries Ford-Traktoren und Wagen an und verriet ohne Umschweife auch die Anschaffungspreise; die 4-plätzige Limousine ist für 10 000 Franken, der 4-plätzige Touristenwagen (mit Klapp-Verdeck) für 7750 Franken und das Coupé als Zweiplätzer für 9000 Franken zu haben. Automobile waren demnach nur für Wohlhabende erschwinglich.

Selbst das Erlangen eines Führerausweises – ein drei- bis vierwöchiger Chauffeurkurs in Aarau – so verrät ein weiteres Inserat, schlägt mit 300 Franken zu Buche, was dem ganzen Monatslohn eines Arbeiters entsprach. 1918 betrug dessen Durchschnittsgehalt knapp 90 Rappen die Stunde (statistisches Jahrbuch der Schweiz 1919). Auch Garagen im heutigen Sinne gabs nur wenige. Ihrer drei, zwei an der Solothurner-, die andere an der Florastrasse, empfahlen sich 1920 per Annonce für Reparaturen und Revisionen. Inwiefern die Berna auch Reparaturen an Privatfahrzeugen ausführte, ist unklar. Ganz sicher aber suchte die Firma 1920 tüchtige Autoreparateure, die dort «dauerhafte und lohnende Arbeit finden».

Das Velo – sozialverträglich

Besonders gut vertreten zu jener Zeit: das Fahrrad, jenes Fahrzeug, welches auf der Kirchgasse auch nach deren Neugestaltung heute zugelassen bleibt und bereits vor knapp 100 Jahren in grosser Stückzahl immatrikuliert war. 335 000 Velos verkehrten auf nationalen Strassen bereits um 1915, ihre Zahl schwoll bis 1925 um mehr als das Doppelte auf 677 750 an. Alljährlich mussten die Kontrollschilder und Ausweise zwecks Erneuerung auf dem jeweiligen «Landjägerposten» abgegeben werden. Die Erneuerung kostete insgesamt 2,80 Franken, der Lohn von drei Arbeitsstunden eines Industriearbeiters.

Auto bereitet erste Probleme

Das Auto war vor rund hundert Jahren wohl nichts mehr als eine Marginalie und vielleicht des Teufels. In einem Artikel auf der Frontseite des «Oltner Tagblattes» vom Januar 1920 wird aber auf dessen künftige Bedeutung und seinen unaufhaltsamen Durchbruch hingewiesen. Der Schreibende monierte damals, dass praktisch jede Gemeinde ihre eigenen Durchfahrtsrechte und Geschwindigkeitslimiten für Automobile kannte. So etwa wandten sich im Gäu und in Olten Behörden gegen die «Velo- und Automobilraserei».

Im Sommer 1923 wurde das kantonale Fahrverbot für Autos und Motorräder an Sonntagen aufgehoben; in Kappel etwa stimmte man der Aufhebung unter der Bedingung zu, dass die Höchstgeschwindigkeiten im Dorf (20 km/h; 12 km/h) eingehalten werden; andernfalls wolle man das generelle Sonntagsfahrverbot wieder eingeführt sehen.

«Unsere Rechte erkämpfen»

Solcherlei Absichten gingen dem Schreibenden von 1920 schon zu weit. Er mahnte an: «Die heutige Devise lautet, nicht das Autofahren verbieten, sondern Strassen ausbessern, das ist der wunde Punkt, der auch unsern Behörden zum Teil bewusst ist. Durch Verbesserung der Strassen kann auch die durch das Fahren hervorgerufene Staubentwicklung behoben werden. So müssen wir unsere Rechte und Freiheiten erkämpfen und verteidigen gegen die Einsichtslosigkeit und Unkenntnis der breiten Massen, gegen die Unterdrückung des Verkehrs, bis uns dieselben Rechte zu teil werden wie den übrigen Strassenbenützern.» 2013 ist festzuhalten: Die Zeiten haben gekehrt.