Unsere beiden grossen Landeskirchen haben heuer etwas zu feiern: Die Katholiken das 600. Geburtsjahr von Bruder Klaus, der hierzulande als Nationalheiliger gilt, und die Reformierten 500 Jahre Reformation. Doch Feststimmung kann nicht so richtig aufkommen, denn die beiden Landeskirchen leiden unter einer enormen Mitgliedererosion und dem damit einhergehenden Abfluss finanzieller Mittel. Allmählich fehlt den christlichen Glaubensgemeinschaften das Geld für die Kirchen. Nicht nur die Kirchenbänke sind leer, auch in den Kassen herrscht Ebbe. Das kann sogar zu Konflikten zwischen Kirchgemeinden führen. Zum Beispiel, wenn eine Kirchgemeinde den Rotstift ansetzen muss. So sieht sich zum Beispiel die reformierte Kirche Niederamt veranlasst, den Christkatholiken für die Mitbenutzung der Stiftskirche in Schönenwerd den Mietvertrag aufzukünden, um neue, günstigere Konditionen aushandeln zu können. Dabei sind wahrscheinlich die Finanzsorgen der Christkatholiken nicht kleiner als jene der Reformierten. Die Finanzierung der Gotteshäuser kostet Geld. Auch in Olten sind die Christkatholiken bei der Renovation der Stadtkirche auf finanzielle Unterstützung angewiesen.

Beunruhigende Zahlen

Die Entwicklung ist für die Glaubensgemeinschaften beunruhigend, wie die Zahlen der Religions- und Kirchenstatistik des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts (spi) zeigen: Gehörten 1970 noch 95 Prozent der Schweizer Bevölkerung der römisch-katholischen oder der evangelisch-reformierten Kirche an, so waren es im Jahr 2015 noch knapp zwei Drittel. Die Mitgliederverluste sind in der evangelisch-reformierten Kirche seit den 1950er Jahren feststellbar. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung hat sich zwischen 1950 (56,3 Prozent) und 2015 (24,9 Prozent) mehr als halbiert. Eine starke Abnahme ist vor allem zwischen 1980 und 2000 feststellbar: innerhalb von 20 Jahren ging ihr Anteil um 17,3 Prozent zurück. Dass sich der Anteil der Katholiken an der Schweizer Bevölkerung stabiler halten konnte, verdankt die römisch-katholische Kirche der Migration: Ein Grossteil der Menschen, die in die Schweiz migrieren, ist katholischen Glaubens. In der römisch-katholischen Kirche zeigen sich erst seit einigen Jahren ebenfalls Mitgliederverluste: Ab den 1950er-Jahren ist noch ein leichter Mitgliederzuwachs auf 46 Prozent feststellbar, und dieser Anteil hält sich bis in die 1990er-Jahre. Danach verzeichnen auch die Katholiken einen sinkenden Anteil an der Bevölkerung.

Viele Austritte im Kanton Solothurn

Die Kirchenaustrittsrate ist sowohl in der römisch-katholischen als auch in der evangelisch-reformierten Kirche der Schweiz zwischen 2011/12 und 2015 gestiegen. Solothurn zählt zu den Kantonen mit den meisten Kirchenaustritten: Die Austrittsquote bei den Katholiken lag 2015 bei 1,5 Prozent (2011/12: 1,3 Prozent). Mit 3,1 (2,0) Prozent liegt nur Basel-Stadt höher. Und an dritter Stelle figuriert mit 1,4 (1,1) Prozent der Aargau. Bei den Reformierten ist die Reihenfolge genau gleich: Basel-Stadt 3,1 (2,6) Prozent, Solothurn 1,9 (1,7) Prozent und Aargau 1,7 (1,3) Prozent. Dass beide Landeskirchen hinsichtlich Austrittsquote etwa gleich dastehen, lässt den Schluss zu, dass nicht unterschiedliche inhaltliche Fragen den Hauptbeweggrund bilden, sondern wahrscheinlich ganz einfach finanzielle Überlegungen. Man will sich von der Kirchensteuerpflicht befreien.

Fast jede(r) Vierte konfessionslos

Diese Entwicklung hat natürlich einen enormen Einfluss auf den Finanzhaushalt der Kirchen, die gezwungen werden, ihre Betriebskosten zu senken, zum Beispiel auch durch kostengünstigere Organisationsformen. Etwa mit der Schaffung von Pastoralräumen, also grösseren Verwaltungseinheiten. Doch wenn die mit der Erosion der Mitglieder einhergehende Säkularisierung anhält und noch weiter zunimmt, könnten Kirchen bald in einen finanziellen Notstand geraten. Und die Schweiz könnte ihren christlichen Charakter mehr und mehr verlieren. Das ist auch bereits in den Schulen festzustellen, wo zunehmend interreligiöser Ethikunterricht den klassischen christlichen Religionsunterricht ablöst. Die Entwicklung zur Säkularisierung in einer Zeit, in der sich viele Christen auch hierzulande vor einer Islamisierung ängstigen, erscheint vordergründig merkwürdig und hinsichtlich der Kirchenaustreter nicht glaubwürdig. Vor einer Islamisierung muss man sich allerdings hierzulande (vorerst) nicht fürchten. Die Religionslandschaft der Schweiz hat sich zwar in den letzten Jahrzehnten von einer traditionell bikonfessionellen zu einer multireligiös-säkularen gewandelt. Doch der Anteil der muslimischen Glaubensgemeinschaften betrug 2015 in der Schweiz bloss rund 5 Prozent. Zum gleichen Zeitpunkt lag der Anteil der römisch-katholischen Kirche bei über 37 Prozent und jener der evangelisch-reformierten bei fast 25 Prozent. Als drittgrösste Gruppe mit knapp 24 Prozent figurieren bereits die Konfessionslosen. Das heisst: Fast jede(r) Vierte ist ohne Konfession. Die Konfessionslosen sind also für die Landeskirchen das grössere Problem als die Muslime, die mit den Christen weitgehend die gleiche Wertebasis haben.

Grosse Herausforderungen warten

Bestimmt kann man auch ohne Zugehörigkeit zu einer Konfession ein Leben nach christlichen Werten führen. Schliesslich lehrt uns die Bibel: Gott ist überall, zu jeder Zeit. Doch für viele Menschen sind Kirchen in speziellen Lebenssituationen Zufluchtsorte, die Zuversicht und Halt geben. Deshalb lohnt sich der Einsatz für den Erhalt der Kirchen. Und wenn es nicht anders geht, müssen die Glaubensgemeinschaften für die Finanzierung der Kirchen zu unkonventionellen Mitteln greifen. Wie es zum Beispiel die Christkatholiken für die millionenschwere Renovation der Oltner Stadtkirche tun: Das Geld wird per Fundraising aufgetrieben. Und es gibt noch andere Instrumente, so etwa das Crowdfunding, das sich immer mehr etabliert, gerade auch bei der Finanzierung kultureller und ideeller Projekte.
Fazit: Die Kirchen stehen vor grossen Herausforderungen. Im Kampf gegen Kirchenaustritte und deren Folgen müssen sie ihren Fokus nach vorne richten – beim Umgang mit alten Traditionen ebenso wie bei Finanzierungsfragen. Es braucht Mut, um neue Wege zu beschreiten.