Olten
Kino Lichtspiele zeigt Film über alternde Sexarbeiterinnen

Sexarbeiterinnen sind jung – in der kollektiven Vorstellung. In der Realität können sie auch alt sein. Von zwei solchen Sexarbeiterinnen erzählen die Filme, die die Fachstelle Lysistrada im Kino Lichtspiele zeigt.

FIONA GUNST
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Jung und hübsch, vielleicht etwas zu stark geschminkt und etwas zu sexy gekleidet, grundsätzlich aber schlank und attraktiv – so sieht eine Sexarbeiterin in der kollektiven Vorstellung aus. (Symbolbild)

Jung und hübsch, vielleicht etwas zu stark geschminkt und etwas zu sexy gekleidet, grundsätzlich aber schlank und attraktiv – so sieht eine Sexarbeiterin in der kollektiven Vorstellung aus. (Symbolbild)

Keystone

Jung und hübsch, vielleicht etwas zu stark geschminkt und etwas zu sexy gekleidet, grundsätzlich aber schlank und attraktiv – so sieht eine Sexarbeiterin in der kollektiven Vorstellung aus.

Dass es daneben auch Frauen gibt, die im Sexgewerbe alt werden, faltig und grauhaarig, das geht oft vergessen. Ihnen, den alternden Sexarbeiterinnen, widmet die Fachstelle Lysistrada ihre diesjährigen Filmabende im Kino Lichtspiele.

Da ist zum einen das «Party Girl» Angélique: Ihr Leben ist das Cabaret, wo sie noch immer ihre Nächte verbringt. Sie geniesst die Atmosphäre da, liebt es, mit den anderen Tänzerinnen um die Häuser zu ziehen, aber sie spürt, dass sie älter wird, dass sie den jungen, schüchternen Männern noch mütterlich die Angst davor nehmen kann, halbnackten Frauen beim Tanzen zuzuschauen, dass sie selbst aber nicht mehr die Begehrteste im Hause ist. Als ihr ein langjähriger Kunde einen Heiratsantrag macht, nimmt sie diesen deshalb an, bekundet aber Mühe damit, sich in das bürgerliche Leben einzufügen.

«Frau Mercedes»

Zum anderen ist da «Frau Mercedes»: Seit 35 Jahren bedient sie Freier in ihrem Auto. Früher konnte sie davon leben wie eine Prinzessin. Heute, wo das Geschäft mehr schlecht als recht läuft, weil die Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen nicht ebenso sehr gewachsen ist wie das Angebot, blickt sie wehmütig auf diese Zeit zurück. Das Geld hat sie damals mit beiden Händen ausgegeben, Autos, Ferien, Pelzmäntel.

Heute lebt sie bescheiden und allein und geht ihrer Arbeit nach, weil sie anders die Rechnungen nicht bezahlen könnte. «Aber wenigschtens hani gläbt», gibt Sylvia Leiser – wie Frau Mercedes mit bürgerlichem Namen heisst – zu Protokoll.

Der Dokumentarfilm über die Bernerin ist ein Gemeinschaftswerk: Simon Jäggi, David Fonjallaz und Louis Mataré zeichnen gemeinsam für das von atmosphärischen Bildern begleitete Porträt verantwortlich.

Auch «Party Girl» ist eine Kollaboration: Marie Amachoukeli, Claire Burger und Samuel Theis haben den Film realisiert. Theis ist der Sohn der Hauptdarstellerin, deren Leben ihm Inspiration für das Drehbuch war. Angélique spielt in der fiktiven Geschichte also sich selber, und auch sämtliche ihrer Kinder treten im Film auf.

Die französische Dokufiktion und der Schweizer Dokumentarfilm geben dem Publikum wahrhaftige und differenzierte Einblicke ins Leben von zwei Sexarbeiterinnen, die zwar beide alt, aber ganz und gar verschieden sind. So klingelt Frau Mercedes’ Handy den Titelsong zu Pretty Woman, obwohl sie schon lange resigniert hat und nicht mehr an die Liebe glaubt. Umgekehrt ist die lebenslustige Angélique noch immer davon überzeugt, dass es die grosse Liebe gibt.

Weil Sexarbeitende noch immer stigmatisiert sind, braucht es Fachstellen und Filmemacher, die sich den Frauen einfühlsam nähern und in deren Namen aus der Realität des Sexgewerbes berichten, ohne zu beschönigen, aber auch ohne unnötige Skandalisierung.

Cinema Lysistrada

Dienstag, 22. September: «Party Girl» (F, 2015), Spielfilm von Marie Amachoukeli, Claire Burger und Samuel Theis;

Mittwoch, 23. September: «Frau Mercedes – Alt werden auf dem Autostrich» (CH, 2007), Dokumentarfilm von Simon Jäggi, David Fonjallaz und Louis Mataré mit anschliessender Diskussionsrunde; jeweils 20.30 Uhr im Kino Lichtspiele Olten

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