In einer einmaligen Inszenierung erlebte das Oltner Publikum Bert Brechts Schauspiel «Der kaukasische Kreidekreis» und bedankte sich mit viel Beifall.

Peter Bause als grandioser Schauspieler und als Regisseur führte in der Rolle des Sängers Arkadi durch das Theaterstück, begleitet von der faszinierenden Akkordeonspielerin Tatjana Bulava, die durch ihre wehmütige, provokative und in sich zerrissenen Musik das Publikum zusätzlich gefangen nahm und eine Theateratmosphäre ganz im Sinne Brechts schuf.

Mit dem «kaukasischen Kreidekreis» kreierte Brecht ein fabelähnliches Konstrukt, das in Leidsätzen, durch Musik und in fesselnden Abläufen Theater von hoher Qualität präsentierte.

Brecht als Herausforderer, der aus seiner politischen marxistischen Gesinnung heraus das Bürgertum unter die Lupe nahm und auch kritisierte, spielte in diesem Stück auf unterschiedlichen Ebenen, die sowohl reale als auch surreal Aspekte freilegten. Die Schauspielerinnen und Schauspieler in ihren Charakterrollen, wobei praktisch jeder verschiedene Figuren spielte, in ihren weissen Masken (Anfertigung durch Heidemarie Furmanek), schufen unglaubliche Spannungsfelder.

Bald feinfühlig, bald grotesk und erschreckend, aber auch witzig und schräg sorgten diese maskierten Figuren für rasch wechselnde Abläufe. Jede Person hatte ihre besondere Ausstrahlung und brachte dies in ihrem subtil und geschickt aufgebauten Rollenspiel zum Tragen.

Simon und Grusche

Zu Beginn erlebte man die zarte Begegnung zwischen Simon, dem Soldaten, der in den Krieg ziehen musste, überzeugend dargestellt durch Martin Krah, und der Magd Grusche, grossartig, mit viel Gespür für feine Differenzierungen gespielt durch Shantia Ullmann.

Das einfach aufgebaute Bühnenbild liess rasche Wechsel zu und stellte die Figuren in den Mittelpunkt, überraschte aber auch mit witzigen Einfällen, denn die Requisiten liessen sich je nach Situation unterschiedlich verwenden.

Die Gouverneurin, die bei Kriegsausbruch ihre Klamotten einpacken liess, glänzend dargestellt durch Hellena Büttner, erwies sich als Rabenmutter und vergas beim Fliehen ihr kleines Kind mitzunehmen. Grusche nahm es zu sich und floh unter abenteuerlichen Umständen in die kaukasischen Berge zu ihrem Bruder.

Was sich nun Brecht als Handlung weiter einfallen liess, und Peter Bause höchst originell umsetzte, wurde für den Zuschauer zu einem skurrilen, berührenden Erlebnis. Menschen in ihrer eignen Rolle gefangen, überspitzt dargestellt bald als Bruder, als sterbender Greis auf dem Bett, der nach der Heirat urplötzlich höchst lebendige Anwandlungen hatte. Urkomisch der Zuber mitten im Bühnenraum mit dem Badenden, der von seiner Frau, der armen Grusche, verwöhnt werden wollte. Und dann das auflösende Moment mit dem heissen Wasser, das die Schwägerin über ihn schüttete. Viele kleine Handlungen führten durch diese irrwitzige Menschheitsgeschichte mit kriegerischen Auseinandersetzungen, die in sich eben so grotesk waren wie die gemütlicheren Begegnungen.

Nach der Pause steigerte sich das Unwirkliche, man stieg als Publikum in wundersame Welten aus ganz unterschiedlichen Befindlichkeiten ein. Man litt mit der jungen Magd, die einem ganz nahe kam, ohne Maske, so wie sie war. Und Peter Bause mimte den Dorfschreiber Azdak, und dann später einen Richter, der alle Unmöglichkeiten für sich zu pachten schien und trotzdem die richterliche Gewalt innehatte. Seltsame Figuren erzählten ihre kleinen Händeleien, er richtete, wenn auch nicht immer ganz salonfähig, und man gehorchte ihm; weshalb blieb manchmal ein Rätsel.

Bis dann plötzlich eine gewisse Autorität seinerseits ins Spiel kam, als es darum ging, zwischen den beiden Frauen, der Gouverneurin, die ihr Kind wegen des Erbes zurückhaben wollte und der Magd Grusche, die es wirklich liebte. So kam die Idee mit dem Kreidekreis zum Tragen, den der Junge betreten musste. Links und rechts zogen die beiden Frauen an seinen Armen. Grusche verlor zweimal, weil sie mit dem Knaben Mitleid hatte und ihn losliess.

Der eigenwillige Richter erkannte das Spiel und gab ihr das Kind mit der Begründung «Dass das gehören soll, was da ist, denen, die für es gut sind.» Also: die Kinder den Mütterlichen, damit sie gedeihen!

Schachzug für die Herzen

Mit diesem Richterspruch gelang Brecht ein Schachzug, weil er aufzeigen konnte, dass nach dem Gesetz, dieser Entscheid keine Berechtigung hat, aber nach dem Herzen und dem gesunden Menschenverstand schon.

Dieses Schauspiel war eine berührende, packende und verrückte Geschichte, die mit allen Facetten des Lebens spielte. Ausnahmezustände wie kriegerische Auseinandersetzungen wurden zur Farce, aber auch die konventionellen, all das Tun, was man sich als Mensch, als Bürger zurechtlegt, um über die Runden zu kommen.

All diese Begebenheiten bekamen in diesem Schauspiel reale Verschiebungen, neue Ausrichtungen, weil das Komische den Ton angab, die Masken für surreale Befindlichkeiten sorgten und doch hautnah menschliches Verhalten dokumentierten, nicht in der gewohnten Art, sondern überspitzt, so dass man noch deutlicher all die menschlichen Verhaltensweisen erkennen konnte. Dieser Theaterabend war ein grossartiges Erlebnis, weil er einmalig die Wahrheit auf den Punkt brachte, gleichgültig, ob sie einem gefiel oder nicht.