Dieser Mann: 100-jährig und noch immer eine Wucht. Was man mit ihm auch redet, er findet den Rank. Genau: zum Wetter hin nämlich. Dabei ist Karl Frey, der heute seinen 100. Geburtstag feiert, eigentlich Bezirksschullehrer im Oltner Frohheimschulhaus gewesen. Ein Arbeitsleben lang. Auch wenn er 1944 in Meteorologie doktorierte.

Wohl gerade deshalb meint er: «Ich hab mir sagen lassen, dass am Tag meiner Geburt, einem Sonntag übrigens, mehr als 20 cm Schnee lagen.» Frey lacht kurz auf und reicht dann nach: «Ich bin eher ein Wintermensch.»

Dann erwähnt er die seinerzeitige Schlacht um Verdun während des Ersten Weltkriegs, die am 19. Dezember 1916 praktisch ergebnislos abgebrochen wurde. Das Jahrhundert des Karl Frey aus Olten hatte eben begonnen.

Wassertemperaturen am Anfang

100 Jahre später erzählt der Jubilar spontan, wie das alles begann – seine Affinität zum Wetter und zu dessen Phänomenen. Klar: Die Hintergründe bleiben letztlich wie fast immer in solchen Fällen im Dunkeln. Pädagogen reden dann von intrinsischer Motivation. Im Falle Freys zu Recht. «Ich entsinne mich, wie mich die auf einer Tafel notierten Wassertemperaturen der Aare drunten in der Schützenmatte interessierten», sagt er.

Und schon bald machte der damalige Primarschüler Wetternotizen, Aufzeichnungen, grafische Darstellungen. Akribisch genau, in unterschiedlichen Farben gehalten. 

Lückenlos die Sammlung, die er auf dem Salontisch in der guten Stube bereitgelegt hat. Er fragt unvermittelt: «Wann sind Sie geboren?» Ein Leichtes für ihn, herauszufinden, wie das Wetter am 17. Juni 1959 gewesen ist. Er schlägt einen der vielen Bände mit den täglichen Wetteraufzeichnungen auf. «Ganz schön warm wars», sagt er dann und fährt mit dem Finger übers Blatt nach unten. «Geregnet hats auch kurz», stellt er fest und lächelt, als seis ein Trost für denjenigen, der eigentlich «schön warm» gar nicht so mag.

Wie hat Karl Frey vorhin doch angemerkt: Er sei ein Wintermensch? Also weg vom Sommer. Woran sich seine Wintersensibilität festmachen lässt? Ganz einfach: So viel Aufmerksamkeit wie dem Winter hat der Meteorologe keiner andern Jahreszeit gewidmet. Er begann sie nach besonderen Kriterien zu beurteilen. Grundlage dafür: seine Aufzeichnungen. Kriterien: die Zahl der Tage mit Schneedecke, Temperaturfolgen, Tage mit Schneefall und, und, und. «Für jede Kategorie hatte ich eine gewisse Punktzahl zu vergeben.» Am meisten fielen auf den Winter 1928/29, mit bitterkaltem Februar. Freys Punktvergabesystem und Aufzeichnungen hatten für eine Ziellandung gesorgt. Der Februar 1929 war der wohl kälteste Monat des 20. Jahrhunderts überhaupt. Nebenbei: Frey weiss auch über Schneehöhen Bescheid: Den Oltner Rekord nimmt ein Märztag des Jahres 1931 ein. «51 cm wurden gemessen», sagt er.

Abseits des Wetters

Aber jetzt, dieser Karl Frey, abseits des Wetters. Wie ist der? Er sei wohl ein pflegeleichtes Kind gewesen, meint der Jubilar. «Es gibt jedenfalls nichts Auffälliges zu berichten aus jener Zeit.» Er habe seine Mutter unterstützt, die nach dem plötzlichen Tod des Vaters eine Privatpension eröffnete, um ihre beiden Buben Hermann und Karl grossziehen zu können. «Sie hats geschafft», sagt der Hundertjährige. Eine leise Bewunderung schwingt noch immer mit in diesem Satz. Er interessierte sich ferner fürs Schachspiel, Politik, Sport. «Ich würde sagen: Fussballerisch war ich nicht schlecht.» Und er erzählt von jenem sagenhaften Volleyschuss in jungen Jahren, der im Tor landete und zu dem ihm, wie Frey sagt, selbst der Schiedsrichter noch gratulierte. Der Traumtorschütze lächelt.

Dem Traumtor ging das Lehrerseminar voraus. «Mir wurde schnell klar, dass ich weiterstudieren würde. Stellen gabs damals nämlich nicht allzu viele», so sein Rückblick. Dass er sich schliesslich nach dem Studium entschloss, nicht auf Meteorologie zu setzen, sondern in Olten als Bezirksschullehrer ins Erwerbsleben einzutreten, begründet er zum einem mit Renommee und zum andern mit wirtschaftlicher Sicherheit: «Also, in Olten an der Bezirksschule unterrichten zu können, das war damals was», erklärt er. Es sollte seine Lebensstelle werden. Das Wetter avancierte zum Hobby. Die Schüler nannten ihn liebevoll «Dökti», erzählten einander, der Mann habe sich dem Föhn, jenem warmen Wind, der Erwachsenen häufig Kopfschmerzen bereite, verschrieben. «Ich hatte ein unbelastetes Verhältnis zu den Schülern», erinnert sich der Jubilar. Allerdings machte ihm schon damals seine zunehmende Schwerhörigkeit zu schaffen. «Das hat die Situation sicher erschwert», analysiert Frey. Deswegen sei er heute, auch als geselliger Mensch, eher zurückhaltend in grösseren Gesellschaften.

Hitler: Unhold in Freys Jahrhundert

Wer auf ein Jahrhundert zurückblickt, kennt dessen dunkle und helle Seiten, nicht nur jene auf der persönlichen Ebene. Die Frage nach der Unperson seines Jahrhunderts beantwortet er ganz spontan: «Ich glaube, da ist in erster Linie Hitler zu nennen.» Der Diktator sorgte auch in der Schweiz für Kummer und Sorgen, Studienunterbrüche, Militärdienst, Rationierungen. Das düstere Kapitel habe man schon kommen sehen, fügt er bei. Und als wolle er die letzten Zweifel darob beseitigen, wiederholt er: «Doch, doch.» Im Gegenzug bezeichnet er den Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer als bemerkenswerten Zeitgenossen. Der hatte ab 1913 in Lambarene (Gabun) das Urwaldspital eingerichtet und den Europäern Afrika näher-gebracht. Freys Jahrhundert – eines der Gegensätze.

Bewundernswerte Agilität

Seit 2004 lebt «Kari», wie ihn gute Bekannte nennen, allein im Haus, kocht, kauft das meiste selber ein. Zu Fuss, wohl verstanden. Mit bewundernswerter Agilität drängt er das Thema Altersheim in den Hintergrund. Aber er hält fest: «Der Tod meiner Gattin war einschneidend.» Derjenige seiner ältesten Tochter, die bei einem Treppensturz ums Leben kam, ebenso. Gute Nachbarn und die beiden andern Töchter schauen jetzt zum Rechten, sollte beim Senior etwas aus dem Ruder laufen. Ob er einen Wunsch an sein nächstes Jahrhundert habe? «Also materielle Wünsche gibts keine mehr», lächelt Frey. «Das Leben», sagt er, «ist erfüllt.» Vielleicht, dass sich die Altersbeschwerden in Grenzen halten mögen? «Das sicher», bekräftigt er. «Wissen Sie, 100 Jahre gehen nicht spurlos an einem vorbei.» Er erzählt von Atemnot, Schlafstörungen, abnehmender Hörkraft, Arthrose. «Zum Glück sind die Augen noch relativ gut», sagt er. Er lese viel, denn eine der grossen Aufgaben sei es auch, den Tag auszufüllen, dem Tag einen Sinn zu geben. «Da kommt mir das Wetterhobby eben recht.» Und grad mit diesem Satz fällt ihm doch ein materiell-ideeller Wunsch ein. Nämlich jenen, die von ihm lancierten Wetteraufzeichnungen mögen weitergeführt werden. Alles fiel dem Sparzwang der Stadt zum Opfer. Frey kennt das. Abereben – es geht doch ums Wetter.

Was ihn heute am meisten freut: das innerfamiliäre Verhältnis. «Wir habens gut untereinander», sagt er. An zwei Urgrosskinder kann sich Frey freuen, auch wenn er als 100-Jähriger der Zukunft auf diesem Planeten eher skeptisch entgegenblickt. Die Klimaerwärmung, die Marginalisierung der Nationalstaaten, die drohende Dominanz der alten Grossmächte, speziell der USA. Frey wird politisch, aber in einvernehmlichem Tonfall und – eben – mit der Gelassenheit eines 100-Jährigen.