Auf einen Kaffee mit...

Kabarettistin Lisa Christ: «Ich zeige auf, was alles falsch läuft»

Lisa Christ im «Gleis 13» beim Bahnhof Olten.

Auf einen Kaffee mit... Lisa Christ, Oltner Slam Poetin, Kabarettistin und Feministin und neu SRF-Moderatorin.

Lisa Christ wirkt etwas abgeklärt, wenn sie von ihren Erfolgen erzählt. Beinahe beiläufig erwähnt sie ihr Buch, das letztes Jahr erschienen ist. Über die verschiedenen Auszeichnungen, die sie gewonnen hat, verliert sie kaum ein Wort. Nur wenn sie über ihr abendfüllendes Soloprogramm, mit dem sie als Kabarettistin auftritt, spricht, kann man eine Spur von Stolz erkennen. «Vor 12 Jahren habe ich mit Spoken Word angefangen. Ich erinnere mich noch, wie ich barfuss an der JugendArt in der Schützi in Olten rumsass und da vor ein paar Menschen meine Texte vorgetragen habe. Der Kulturarbeiter und Coach Rainer von Arx hat mich dann angesprochen und durch ihn erfuhr ich, was Poetry Slam überhaupt ist. Seit dem trete ich auf», fasst die 28-jährige zusammen. Während dem Studium habe sie gemerkt, dass Spoken Word das sei, was sie im Leben machen möchte. Seit ihrem Masterabschluss ist sie selbstständig. «Ich kann mir im Moment gar kein anderes Leben vorstellen. Und ich bin unglaublich dankbar, dass ich Poetry Slam und Kabarett machen und davon leben kann.»

«Ich bin nicht nur Lisa vom SRF»

Am Sonntag wird die erste Folge der vierteiligen Fernsehshow, die sie moderiert, auf SRF ausgestrahlt. Den Dreh beschreibt sie als anstrengend, die vier Livesendungen seien in nur zwei Tagen gedreht worden. Man glaubt ihr sofort, dass sie erschöpft ist, sie wirkt müde. Erst jetzt habe sie das erste Mal wirklich Zeit, darüber nachzudenken, was die Fernsehshow überhaupt für sie bedeutet. «Die Sendung hat nicht viel von dem drin, was ich eigentlich mache. Ich führe durch die Sendung, aber das ist nur die Moderation, nur der Rahmen, der Inhalt dreht sich nicht um mich.»

Ihre grösste Angst sei es, plötzlich nur noch als «die aus dem Fernsehen» gekannt zu werden. Sie möchte weiterhin ihr authentisches «Ich» sein und Dinge tun, die sie gerade beschäftigen, sie berühren und interessieren, ohne in eine Schublade gesteckt zu werden. Auf die Sendung selbst sei sie genau so gespannt wie die Zuschauer, lacht sie, sie habe sie selber auch noch nicht gesehen.

Feminismus ist ihr Herzensding

Wenn sie auf der Bühne steht, macht Christ nicht nur Witze. Sie erzählt vom Leben, von Ungerechtigkeiten, von Sexismus, von Selbsterkenntnissen. «Ich denke, man muss Verantwortung wahrnehmen. Auf der Bühne kann man dem Publikum Realitäten aufzeigen, mit denen die Leute noch nie in Kontakt gekommen sind. So entwickeln sie Empathie und nur mit Empathie kann man die Welt wirklich verändern.» Dass sich etwas in der Welt ändern muss, steht für sie fest. «Das aktuelle System bringt uns nicht mehr weiter. Die Strukturen schaffen viel Reichtum für wenige und für den Rest gar nichts. In der Schweiz reicht der Reichtum der Mittelschicht gerade aus, damit die systemischen Probleme den meisten Leuten egal sind.»

Ihr seien die Probleme aber nicht egal, im Gegenteil. Die Diskriminierung von Frauen sei nur eines der unzähligen Probleme; es sei jedoch das Problem, das sie am meisten in ihrem täglichen Leben beeinflusst. So dürfe es beispielsweise nicht sein, dass Krippenplätze «ein Vermögen» kosteten, Frauen grundlos weniger verdienten, die Unternehmen trotz Gesetz keine Sanktionen fürchten müssten und dass Männer für einen Umzug mehr Freitage erhielten als bei der Geburt ihres Kindes. «Viel von dem, mit dem ich und viele andere Frauen zu kämpfen haben, ist nicht meine Schuld, sondern ein strukturelles Problem.»

Mit der Journalistin Miriam Suter macht Lisa Christ neu den Podcast «Faust&Kupfer», in dem sie über feministische Themen sprechen. «Es sind Themen, die uns selber sehr beschäftigen. Wir wollen so die Themen den Menschen zugänglicher machen und ihnen aufzeigen, was alles falsch läuft in unserer Gesellschaft. Denn wir können nur zusammen etwas verändern.» In ihrer Arbeit sieht Christ auch einen Sinn, einen Dienst für die Gesellschaft. Sie denke sehr viel nach, sei ein «verkopfter» Mensch. Durch das viele Denken kommt sie zu neuen Lebenserkenntnissen, die sie durch ihre Texte dem Publikum vermitteln kann. Spoken Word sei ihre Art, die Welt zu verändern und gleichzeitig mache es den Leuten noch Spass, zuzuhören. Ihre Utopie? «Eine Welt, in der jede Person so sein kann, wie sie sein möchte, ohne äussere Standards erfüllen zu müssen.»

Die vierteilige «Comedy Talent Show» startet am Sonntag um 21:40 Uhr auf SRF 1. Die Sendung bietet Newcomern die Möglichkeit, vor einem grösseren Publikum aufzutreten.

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