Olten
Jazzmusik im Ghetto sorgte für eindrücklichen Musiktheaterabend

Eine faszinierende, beklemmende Musikrevue im Stadttheater: «Der Ghetto Swinger» mit Helen Schneider als grosser Dame der Musicaldarstellerin.

Peter Kaufmann
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Helen Schneider (links) erzählt in der einzigen Frauenrolle des Stücks die Geschichte Coco Schumanns.

Helen Schneider (links) erzählt in der einzigen Frauenrolle des Stücks die Geschichte Coco Schumanns.

Bruno Kissling

«Bleib immer da, wo die Musik spielt!» Diesem Ratschlag folgte der junge, halbjüdische Jazzmusiker Coco Schumann im Berlin der Nazi-Zeit. Obwohl eigentlich die «Negermusik» von der Reichsmusikkammer der Nazis als unerwünschte Unkultur geächtet und verboten wurde, gab es in der deutschen Hauptstadt sogar zu Kriegszeiten noch Bars und Lokale, in denen Jazz und Swing gespielt wurde und die rebellische Swing-Jugend verkehrte. Immer mit dabei: Coco, der Schlagzeuger, der den obligatorischen Judenstern nicht trug und viele «arische» Frauen kannte. Diese gefährliche, letztlich aber doch heitere Zeit beschreibt der erste Teil der Musikrevue «Der Ghetto Swinger».

Schreckliche Zeiten

Im Frühling 1943 wurde Schumann verhaftet und auf Bitten seines Vaters statt nach Auschwitz ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Dort spielte er in der Jazzformation Ghetto Swingers und in der Jazzkapelle, die im verlogenen Nazi-Pseudodokumentarfilm «Theresienstadt» auftreten musste. Als einer von wenigen überlebte Coco Schumann die nachfolgende Deportation der Musiker und Darsteller ins Vernichtungslager Auschwitz und das harte Lagerleben, wo er als Gitarrist im Lagerorchester an der Selektionsrampe den Todgeweihten «La Paloma» spielten musste. Später überstand er einen «Todesmarsch» und eine sonst meist tödliche Flecktyphus-Erkrankung. Nach der Befreiung durch die US-Army kehrte Coco Schumann nach Berlin zurück, wo er heute als über 90-Jähriger immer noch Jazzmusik spielt und als Auschwitz-Überlebender einer der letzten Zeitzeugen jener grauenvollen Jahre ist.

In kurzen, aber prägnanten Szenen greift das Stück die Ghetto- und Lagererlebnisse Coco Schumanns auf: Es waren durchwegs berührende, oft nur schwer erträgliche Momente, die unter die Haut gingen, obwohl viele Grausamkeiten ausgespart oder nur kurz angetippt wurden. Der sympathische Hauptdarsteller Konstantin Moreth vermochte diese Erlebnisse darstellerisch zwar nur anzudeuten, spielte aber selber mit gutem Swing Gitarre und Schlagzeug. Die übrigen Musiker des Stückes übernahmen ebenfalls die verschiedensten Sprechrollen – im recht raschen Wechsel der Personen, sodass nicht immer ganz klar war, wer gerade dargestellt wurde.

Grossartige Helen Schneider

Glücklicherweise erklärte uns jedoch die einzige Frauenrolle der Musikrevue viele Sachverhalte, die in der Handlung nur angetönt werden: Die grossartige US-amerikanische Musicaldarstellerin und Jazzsängerin Helen Schneider erzählte die faszinierende Lebensgeschichte des Coco Schumann und sang dazu die Jazz-Classics von Duke Ellington bis Cole Porter, die authentischen Kabarettsongs aus den Dreissigern und witzige deutsche Schlager.

Viele Rollen

Helen Schneider übernahm aber auch die Mutter- und Grossmutterrolle, war die französische Geliebte des jungen Coco und eben Erzählerin in einer Person. Der erfahrene deutsche Unterhaltungsregisseur und Theaterprofessor Gil Mehmert stellte Helen Schneider und ihre wandelbare Stimme in dieser Uraufführungsproduktion der Hamburger Kammerspiele dominierend in den Vordergrund: Er gab damit der manchmal fast erdrückenden Überfülle an schrecklichen Erlebnissen einen festen Rahmen.

Und es war wohl bloss Zufall, dass der eindrückliche Musiktheaterabend gerade am Vortag der 70-Jahr-Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz in Olten gastierte: ein aktuelles, beklemmendes Stück Zeitgeschichte.

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