Die Verteidigung findet, dass der damals 21-jährige Javier F.* im Juli 2007 aus Notwehr eine einfache Köperverletzung beging. Für die Staatsanwaltschaft war es eine versuchte eventualvorsätzliche Tötung.

Anfang 2012 entschied sich auch das Amtsgericht Olten-Gösgen für letztere Interpretation und verurteilte den Dominikaner F. zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren. Nun befasst sich das Obergericht mit dem Fall. Denn mit dem erstinstanzlichen Urteil könne man sich keinesfalls abfinden, sagte Verteidigerin Marie-Christine Müller Leu an der Verhandlung von Montag. Ihr Mandant habe erstens niemanden lebensgefährlich verletzt und zweitens sein Messer nur gezogen, weil ihn drei Männer mit Faustschlägen, Fusstritten, Stühlen und Flaschen angriffen.

Javier F. vor dem Obergericht Solothurn

Javier F. vor dem Obergericht Solothurn

Täter wurde zuerst geschnitten

Javier F. hatte an jenem Geburtstagsfest im «Centro Galicia» eine Frau zum Tanz aufgefordert. Ihren Begleitern missfiel das. «Einer hat zu mir gesagt: ‹Wenn Du ein Mann bist, gehen wir raus›», erinnerte sich F. gestern am Obergericht. Doch noch auf dem Weg zur Tür habe ihm ein weiterer Freund der Frau ins Gesicht geschlagen.

Es kam zu einem Gerangel, Flaschen und Mobiliar flogen durch die Luft. Als F. zu Boden ging, zog er sich Schnittverletzungen zu, vermutlich von einer Glasscherbe. Als er sein Blut sah, auf dem Bauch liegend, die anderen auf ihm drauf, habe er es mit der Angst zu tun gekriegt, ein Klappmesser aus der Hosentasche geholt und damit «herumgefuchtelt», wie er vor Gericht beteuerte. «Ich wollte niemanden verletzen oder gar töten. Ich merkte nicht einmal, dass ich jemanden erwischt hatte. Das wurde mir erst im Nachhinein klar.»

Die Staatsanwaltschaft zweifelte nach wie vor an der Geschichte von Javier F. Immerhin hatte er dem Serben Slatko R.* zwei Stichverletzungen von einem und zwei Zentimetern Tiefe zugefügt, wobei auch die Lunge verletzt wurde. Die Kraft, die dazu nötig sei, könne man nicht aufbringen, wenn man nach hinten weg mit dem Messer rumfuchtle, befand Staatsanwältin Judith Zimmermann. Vielmehr habe Javier F. gezielt auf Slatko R. eingestochen und dessen Tod in Kauf genommen.

«Jedem mit gesundem Menschenverstand muss bewusst sein, dass ein Messerstich in den Oberkörper tödliche Folgen haben kann.» Zwar habe sich R. bei der Einlieferung ins Krankenhaus nicht in Lebensgefahr befunden. Ohne medizinischen Eingriff hätte sich aber ein lebensbedrohender Spannungspneumothorax entwickeln können, so die Staatsanwältin.

Zimmermann glaubte auch nicht, dass Javier F. in Notwehr gehandelt hatte. «Seine Kollegen waren in die Schlägerei verwickelt und halfen ihm.» Zimmermann forderte vor dem Obergericht eine Strafe von fünf Jahren und vier Monaten.

«Es waren drei gegen einen»

Für Verteidigerin Müller Leu ist höchstens eine bedingte Freiheitsstrafe von einem Jahr gerechtfertigt. «Mein Mandant hat sich des Raufhandels und des Verstosses gegen das Waffengesetz schuldig gemacht.» Die einfache Körperverletzung sei aus Notwehr geschehen, da Javier F. als Erster geschlagen und als Erster mit einer zerbrochenen Flasche verletzt worden sei. «Zudem hat ihm entgegen der Behauptung der Staatsanwaltschaft niemand geholfen.

Er war alleine gegen drei. Also zog er das Messer, um damit zu drohen.» Nach Aussagen der Beteiligten habe im Gerangel keiner das Messer gesehen, also könne Slatko R. genauso gut in die Klinge hineingestossen worden sein.

Auch sei es nach ärztlichem Gutachten möglich, dass einer der Schnitte von einer Scherbe herrühre. Hätte F. mit dem Messer, das eine Klingenlänge von acht Zentimetern hat, «gezielt und kraftvoll zugestossen», wäre die Verletzung tiefer, so Müller Leu. «Die Verletzung von Slatko R. kann ein gesunder Mensch laut Arzt problemlos verkraften .»

* Name von der Redaktion geändert